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Chapter 16

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Rapunzel Z.14

Nur langsam kehrte Urtica in die Wirklichkeit zurück. Sie blinzelte mehrmals und strich mit dem Handrücken schweißnasse Haare aus dem Gesicht, aber es umfing sie noch immer pure Dunkelheit. Ihre Muskeln schmerzten, als habe sie ein **** hartes Training absolviert. Als sie sich leise stöhnend umdrehte, konnte sie schwaches Sternenlicht im Viereck des Turmfensters erkennen. Ihr dämmerte, wo sie war und weshalb sie auf dem harten Boden lag.

Sie lauschte auf die ruhigen, regelmäßigen Atemzüge der anderen beiden. Offenbar schliefen sie noch. Kein Wunder bei dem anstrengenden Vergnügen, das sie hinter sich hatten. Kurz überkam sie der Impuls, sich zu den beiden ins weiche Bett zu legen und sich an die warmen Körper zu kuscheln.

Doch dann schaltete sich ihr scharfer Verstand ein. Die Hexe war nicht ihre Freundin und eine bestenfalls gefährliche Geliebte für ihren Bruder. Urtica musste jetzt sofort die sich bietende Chance ausnutzen, um die Oberhand zu gewinnen. Mit angehaltenem Atem stemmte sie sich hoch und schlich auf Zehenspitzen zum Tisch, wo sie ihr Schwert wusste.

Als sie das vertraute Gewicht der zweischneidigen Klinge in ihrer Hand wog, kehrte auch der Rest ihres Selbstvertrauens zurück. Zu zweit würden Nastur und sie die Zauberin in Schach halten. Ohne ein überflüssiges Geräusch zu verursachen, näherte sie sich dem Kopfende des Betts, in dem die beiden nackten Körper lagen. Ihre Augen hatten sich soweit an das Dämmerlicht gewöhnt, dass sie Nasturs kräftige Gestalt und seinen blonden Schopf von der zierlichen Figur der Frau unterscheiden konnte. Deren Gesicht war durch einen verwirrten Vorhang langer schwarzer Haare verborgen. Trotzdem fiel es Urtica nicht schwer, die messerscharfe Spitze ihrer Waffe an den Hals der Schlafenden zu setzen.

Erst dann berührte sie ihren Bruder und schüttelte ihn sachte an der Schulter. Erschrocken schreckte er hoch und sie gab ihm einen Stoß.

„Los, raus aus dem Bett", wies sie ihn an, „und mache Licht!"

Auch die andere Person wachte auf, blieb aber mit einem unterdrückten Fluch liegen, als sie den kalten Stahl an ihrer Kehle spürte.

Nastur fand den Weg zum Tisch und nach einigem Gefummel flammte ein Licht auf. Mit der Kerze in der Hand kam er zurück. In ihrem flackernden Schein funkelten die dunklen Augen der Zauberin wie zwei abgrundtiefe Teiche. Urtica hätte schreckliche Drohungen oder zumindest wüste Beschimpfungen von ihr erwartet. Doch es kam kein Laut über die Lippen der Unterlegenen. Also übernahm Urtica das Reden.

„Das Spiel ist aus. Du hast zwei Mitglieder der königlichen **** bedroht und gefangen gehalten. Dafür wirst du deine gerechte Strafe erhalten. Wir übergeben dich der Wache. Und unser Vater wird dafür sorgen, dass du nie mehr auch nur in unsere Nähe kommen wirst."

Das amüsierte Schmunzeln auf den Lippen der Hexe gefiel Urtica gar nicht. Vermutlich wusste sie, dass es den beiden jungen Leuten nicht gelingen würde, sie gefahrlos aus dem treppenlosen Turm und in die Stadt zu bringen. Jedenfalls durften sie ihr keine Gelegenheit geben, wieder Magie gegen die Geschwister einzusetzen.

„Fessle und kneble sie!"

„Was?", ihr Bruder sah sie kurz verständnislos an, dann dämmerte ihm, was er tun sollte, und er eilte zu seinem Rucksack, um nach einem Seil zu suchen. Auf halbem Weg bog er in Richtung Küche ab und kam kurz darauf mit der Wäscheleine zurück. Bedroht durch Urticas tödliche Waffe hielt Gothel still, während Nastur erst ihre Arme auf den Rücken fesselte, dann ihre Beine zusammenband und ihr zuletzt ein Stück Stoff, das er aus dem Leintuch riss, in den Mund schob und hinter ihrem Kopf verknotete.

Irritiert registrierte Urtica, dass sich das Gemächt ihres Bruders versteifte. Unsicher, was dies zu bedeuten hatte, wurde ihr wieder bewusst, dass sie selbst wie die beiden andern auch völlig nackt war. Die dringenden Umstände hatten kaum etwas anderes zugelassen. Trotzdem wurde ihr die Situation zusehends unangenehm. Schärfer als sie es beabsichtigt hatte, fuhr sie ihren Zwillingsbruder an.

„Mach, dass du dich anziehst, und nimm dein Schwert in die Hand."

Er gehorchte, fragte aber in zweifelndem Ton, während er in seine Kleider schlüpfte: „Meinst du wirklich, dass das notwendig ist? Ich meine die Waffe. Schließlich habe ich sie so verschnürt, dass sie kaum noch eine Bewegung machen kann."

„Wir dürfen kein Risiko eingehen. Du musst sie bewachen und darfst sie keinen Augenblick aus den Augen lassen, während ich Hilfe hole."

„Ach? Danke, dass du mich über deine Entscheidungen so frühzeitig in Kenntnis setzt. Es stand ja wohl nie zur Debatte, dass ich mich auf den Weg machen könnte."

Seine Stimme troff vor Sarkasmus. Im gleichen Augenblick tat es ihm aber auch schon leid. Die Idee seiner Schwester war ja grundsätzlich richtig. Und er würde sie nicht damit kränken, dass er ihre Fähigkeit, sich alleine durch den Wald zurück durchzuschlagen, in Zweifel zöge. Auch wenn er es lieber gesehen hätte, wenn sie hier im sicheren Turm gewartet hätte, während er Soldaten herführte. Schulterzuckend und ohne weiteres Gemurre tat er also, was sie von ihm verlangte.

Nachdem er mit blank gezogenem Schwert neben dem Bett stand, begann Urtica sich rasch anzuziehen. Kurz vermisste sie ihr Höschen, bis ihr einfiel, dass sie es am Abend zuvor gewaschen und in der Küche aufgehängt hatte. Sie bezweifelte, dass ihr Bruder daran gedacht hatte, es säuberlich abzuhängen, als er die Wäscheleine von der Wand genommen hatte. Eher nahm sie an, dass es unbemerkt im Schmutz des Küchenbodens gelandet war, und verzichtete darauf, nach dem Slip zu suchen.

Wieder angezogen gürtete sie zuletzt ihr Schwert um und ging zum Fenster. Während sie das Kletterseil befestigte, sagte sie über die Schulter:

„Pass gut auf sie auf! Ich bin so schnell es geht wieder da."

Ein letzter Blick zwischen den Zwillingen sagte mehr, als alle Abschiedsworte es tun könnten. Dann schwang sie sich über die Brüstung und stieg Hand über Hand zum Erdboden ab. Kaum unten angekommen, fiel sie in einen leichten Trott und verschwand unter dem dichten Blätterdach des Waldes.

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