Klappt wenigstens die Flucht?
Mit Hängen und Würgen
"Bei euch wird es echt nicht langweilig", japste Malia, als es hinaus auf den Gefängnishof ging. "Haben wir es weit?"
Tom hatte inzwischen etwas Tempo aufgenommen. "Der Transporter da vorne", gab er zurück. "Ist bereits für die Rückfahrt programmiert, sobald sechs Leute drin sitzen."
Malia versuchte, an ihm vorbei nach vorne zu sehen. "Und das Tor? Die machen uns doch bei Alarm nie im Leben auf!"
"Die nicht", sagte Tom, "aber unser Hacker draußen. Bei uns wirkt alles vielleicht etwas chaotisch, aber wir sind immer gut vorbereitet."
"Oh." Malia schwieg einen Moment. "Okay, also wenn wir hier wirklich rauskommen, ist wohl ne Entschuldigung von mir fällig."
Inzwischen waren die ersten am Transporter angekommen, und Steffen öffnete mit Felix' Zugangskarte die hintere Tür und kletterte hinein. "Rein da, rein da, rein da!" herrschte er die anderen an, und Jessie, Diana und Alex sprangen eilig in den Wagen und nahmen auf den Bänken Platz. Steffen sah sich nach Tom um, der mit Malia auf dem Rücken auch nur noch wenige Meter entfernt war. Jetzt war er angekommen, und er reichte ihm die Hand-
In diesem Moment peitschte ein Schuss über den Gefängnishof, abgefeuert von der Wache aus der Rezeption, die offenbar wieder auf den Beinen war und ihr Gewehr zurückbekommen hatte. Malia schrie schmerzerfüllt auf und zuckte zusammen, während Tom zusammen mit ihr in den Transporter stolperte. "Scheiße", fluchte Steffen und knallte die Tür den Wagens zu, ehe der Wachmann noch mehr Schüsse auf sie abgeben konnte. Mit sechs Personen an Bord setzte sich das große Auto in Bewegung.
Tom hatte inzwischen Malia auf dem Fahrzeugboden abgelegt - der Schuss hatte sie getroffen, das hatte er deutlich spüren können. Vielleicht war es ja nur ein Streifschuss gewesen? Sehr vorsichtig drehte er sie zur Seite und suchte nach einer Wunde-
-und fand statt dessen die Kugel, zusammengequetscht am unteren Rücken der schmächtigen Frau. Sie war anscheinend nicht durch ihre Haut gedrungen - aber wieso? Tom hatte doch selbst den Einschlag gespürt, ganz eindeutig. Er griff nach dem Geschoss und nahm es vorsichtig in die Finger. Die Kugel war noch unangenehm heiß, aber selbst darunter schien keine Verletzung zu sehen zu sein.
"Scheiße, tat das weh!" gab Malia von sich. "Auauauau! Hab ich nen blauen Fleck? Das gibt bestimmt nen blauen Fleck!"
"Wow", gab Tom beeindruckt von sich. "Du bist... unverwundbar?"
Malia sah ihn mit schmerzerfülltem Gesicht an. "Dann würd's mir nicht so scheiße wehtun, oder?" murrte sie. "Unverwundbar bin ich nicht, aber mein Körper ist schon ziemlich zäh. Hss. Das hier war nah am Limit. Was war das für ein Kaliber?"
Tom sah sich die zerdrückte Kugel an "Fünffünfsechs, vermute ich." Er blickte zu ihr. "Kriegst du häufiger Kugeln ab?"
"Zum Glück nicht." Sie setzte sich langsam auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen Steffens Beine. "Das Gefängnistor-"
"Wir sind eben durch", gab Steffen zurück. "Ich vermute mal, in spätestens zwei Minuten nehmen sie die Verfolgung nach uns auf, aber dann müssen sie das Tor erst mal selbst aufkriegen. Wird dank unseres Hackers noch mal fünf Minuten dauern. Das heißt, wir haben etwa sieben Minuten Vorsprung. In vier wechseln wir das Auto. Dann sind wir hier raus, Aegis."
Malia sah ihn finster an. "Okay, sobald wir hier raus sind, reden wir noch mal über die Sache mit den Namen. Hat inzwischen jemand was zum Anziehen für mich?"
Leider war im Transporter nichts dergleichen zu finden, wohl aber im Minivan, in den sie ein paar Minuten später umstiegen - Fanny (oder doch Steffi?) hatte auf einem kleinen Parkplatz am Rande der Straße gewartet, und wie geplant war der Wagen aus dem Gefängnis dort zum Stehen gekommen. Der Hacker, der sie unterstützte, hatte offenbar ganze Arbeit geleistet.
Während sich Malia das deutlich zu große T-Shirt überstreifte, sah sie zu den anderen. "Zuerst mal - Entschuldigung, dass ich euch da drinnen so niedergemacht habe. Ich bin echt dankbar, dass ihr mich rausgeholt habt. So langsam haben die im Gefängnis nämlich Wege gefunden, mir ernsthaft weh zu tun. Weiß nicht, wie lange ich das noch durchgehalten hätte."
"Was wollten sie denn von dir?" erkundigte Alex sich.
"Ich sollte ihnen verraten, welche anderen Zarathustras ich noch kenne." Sie schnaufte wütend durch. "Als ob ich meine einzige echte Freundin verpfeifen würde! Außerdem war mir klar, sobald sie alles wissen, was ich weiß, werd ich als nächstes in meine Einzelteile zerlegt. So Kräfte wie meine können die bestimmt gut gebrauchen."
Tom nickte. "Ein kugelsicherer Körper ist toll für einen Soldaten", sagte er. "Eidolon hat ein bisschen untertrieben, als er uns von deinen Fähigkeiten erzählt hat. Er meinte, du wärst - wie hatte er es ausgedrückt? Überdurchschnittlich resistent."
Kopfschüttelnd sah Steffen zu ihm. "Ich dachte, der Name 'Aegis' macht keine weitere Erklärung notwendig."
"Ey, ich will diesen Namen nicht!" fuhr Malia ihn an. "Was soll das überhaupt sein, Aegis?"
"Bin ich denn der einzige Mensch mit ein bisschen Bildung hier?" Steffen blickte fassungslos in die Runde. "Aegis ist ein unzerstörbarer Schild aus der griechischen Mythologie. Ich dachte, das passt ganz gut zu ihr."
Malia schüttelte den Kopf. "Ich bin aber kein Schild", widersprach sie, "und auch die Namen von den anderen sind dämlich. Sind die auch von dir?"
Mit einem bösen Blick sah Steffen zu ihr. "Ja, das sind sie. Und dass sie alle griechischen Ursprungs sind, steht für die Verbindung zwischen uns."
"Namen sollten aber was Individuelles sein", beharrte Malia. "Sind denn die anderen alle so zufrieden damit, wie du sie genannt hast? Will niemand anders heißen?"
"D-Doch", meldete sich ausgerechnet Diana zu Wort. "Ich wollte immer T-Titania heißen."
Malia nickte erfreut. "Na siehst du! Dann heißt du ab heute auch Titania!"
Aber Steffen schüttelte den Kopf. "Die Unterhaltung hatten ich mit Thalestris schon. Titania ist eine Feenkönigin. Das passt überhaupt nicht zu ihr."
"Aber sie wird riesengroß, wie ein Titan", warf Alex ein. "Und dass das eigentlich eine Feenkönigin ist, weiß außer dir keine Sau."
"Ich hab auch nichts gegen Titania", stimmte Tom zu. "Wäre echt ein passender Name."
Steffen sah aus, als wäre er kurz vor dem Explodieren. "Hast du mit deinem eigenen Namen auch irgendwelche Probleme, Atlas?"
Mit einem Lächeln schüttelte Tom den Kopf. "Atlas passt gut, und mir gefällt die Idee von dem Kerl, der die ganze Welt auf den Schultern trägt - so fühl ich mich hier meistens auch. Aber vielleicht sind die anderen nicht so ganz zufrieden. Was meint ihr?"
"Syren geht in Ordnung", meinte Jessie, "find den Namen ganz cool. Ich hab aber keine Ahnung, was Areion heißen soll."
"Areion ist der wichtigste Begleiter Herakles", erklärte Steffen stolz. "Sein treues sprechendes Pferd, schneller und stärker als jedes-"
Alex hob irritiert eine Hand. "Du hast mich nach einem Pferd benannt? Abgelehnt!"
Steffen legte den Kopf zur Seite. "Aber ich dachte, nachdem du selbst reitest, auch wenn's ein Motorrad ist-"
"Abgelehnt", wiederholte Alex. "Und wenn du mich nach meinem Lebensstil benennen willst, heiße ich von jetzt an 'Roadie'. Weil ich von der Straße komme. So."
"Aber das hat nicht das Geringste mit deinen Kräften zu tun!" Steffen schüttelte den Kopf. "Du kannst doch nicht einfach-"
Malia brachte ihn mit einen Tritt ans Bein zum Schweigen. "Hi, Roadie", sagte sie zu Alex. "Nenn mich Shorty."
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