Wie geht's weiter?

Jazz besorgt sich Drogen

Chapter 15 by tease94

Eden-Island war ein glitzerndes, schillerndes Juwel losgelöster Lebenslust und ungehemmter Exzentrik. Hektische Vergnügungstempel paarten sich mit ausufernder Architektur. Je teurer und aufsehenderregender ein Casino oder ein Event-Club war, umso besser... für das Image und für das Geschäft. Eden-Island ruhte nie, allenfalls holte es in der Zeit zwischen fünf Uhr morgens und neun Úhr vormittags etwas Luft, um spätestens ab Spätvormittag wieder Volldampf seine Türen sperrangelweit den Geschäftemachern und Vergnügungssüchtigen zu öffnen.

Als Jazz den Gleiter kurz vor Mitternacht verließ, herrschte Hochbetrieb auf dem Gleiterterminal des Astra-Imperial, einem riesigen multifunktionalen Hochglanzkomplex, dessen Architektur eine Mischung aus antarischen Elementen und Starfleet-Retro-Design aus der Zeit der ersten Sternenreisenden. Das AI, wie der Komplex gemeinhim genannt wurde, war gleichermaßen ein Luxushotel, Casino, Eventcenter und Businessareal, quasi eine eigene Stadt innerhalb von Eden-Island. Doch entgegen den vielen anderen Ankömmlingen am Terminal strebte Jazz auf ein Transporterband zu, das sie zu einem der benachbarten Gebäuden führte. Nicht wenige Passanten, vorwiegend Männer, blickten ihr mit einer Mischung von Neugierde und Bedauern hinterher. Jazz lachte und schüttelte ihr seidiges Haar - die Nacht war noch lang.

Das von ihr anvisierte Gebäude gehörte zu der Sorte, das die weniger betuchten Besuchern Eden-Islands zur Zielgruppe hatte. Ein mäßig attraktives Casino, ein durchschnittlicher Tanzschuppen und ein mit grellen Neonlichtern und flimmernder Illusionsmagie aufgepeppter 3D-Karaokoclub lockten eine abzählbare Gruppe von Kunden an. In den Stockwerken darüber wechselten sich nichtssagende Firmenbüros und leer stehende Appartmenträume, die zwecks Staffage nachts mittels eines computergenerierten Schemas ausgeleuchtet wurden - um räumliche Auslastung vorzugaukeln.

Jazz' Ziel befand sich im siebten Stock. Als sie aus dem Auszug kam, begrüßte sie ein vertrautes Wegdisplay, auf dem unter anderem 'SSE - Star Sim Expertise' zu lesen war. Die Absätze von Jazz' Stiefeln klackerten auf dem Gang, als sie sich nach links wandte. Kurz darauf stand sie vor der Tür der besagten Firma. Jazz blinzelte in die Ecke über der Tür, wo, wie sie wusste, eine Miniaturkamera installiert war. "Hey, Sticker. Mach auf!" Ungeduldig tippelte Jazz auf der Stelle. Endlich öffnete sich die Tür. Jazz huschte hinein.

Von einem kleinen Flur stießen drei mittelgroße Geschäftsräume in das Innere der kleinen Firma vor. Zumindest waren die Räume einstmals als Büroräume ausgelegt worden - jetzt dienten sie mehr dem Aufeinanderhäufen betagter Computerterminals und sonstigem Elektroschrott. Aus dem mittleren der drei Zimmer drang künstlich-grünes Licht. Zwischen einem hohen Gigarechnerturm und zwei flimmernden Flatscreen-Bildschirmen lümmelte sich der Besitzer von SSE auf einem abgewetzten Bürodrehstuhl. An seiner Schläfe blinkte das Mikro-LED einer Riobird-Funkdatabuchse, seine Finger bewegten geschickt einen Joystick. Als Jazz das Zimmer betrat, schwang er seine Beine von der Tischplatte, auf der sie zuvor geruht hatten, und legte den Joystick beiseite.

"Hi, Jazz!" Seine stimme klang erfreut.

"Sticker." erwiderte Jazz emotionslos.

"Meine liebste Kundin. Was führt dich hierher?"

"Das Übliche."

"Wieviel?"

"100 Stück!"

Sticker fiel beinahe vom Sessel. "100 Stück?" Fassungslos starrte er Jazz an. "Du meinst H-U-N-D..."

"Ja. 100 Stück." Jazz wurde ungehalten. "Rede ich etwa Oger-Talk?"

"Nein, nein," wehrte Sticker ab. "Nur, wow, 100 Pillen Joy-Rocket. Das ist'n Hammer."

"Hast du's da?" fragte Jazz rasch, bevor Sticker endlos plapperte.

"Ähm... ja."

"Sehr gut. Der übliche Preis, minus 15% Mengenrabatt." Jazz sah den Drogenhändler kühl ins Gesicht.

"Heh, heh. Immer langsam. Die Joysters sind momentan sehr gefragt. Der Preis ist höher als normal!"

"Verarsch mich nicht, Sticker," knurrte Jazz. "Du hast dich an mir schon dumm-und-dämlich gedealt. Also gib mir den normalen Preis und laber nicht groß herum."

"Hmm. Normaler Preis. 5% Rabatt. Mehr ist nicht drin."

"10 Prozent. Und keine Nachkommastelle weniger. Es gibt noch genug

andere Freaks, die mir das Zeug liebend gerne zustecken." Sticker musterte Jazz von Kopf bis Fuß. Jazz kannte diesen Blick und dessen Bedeutung. "Vergiss es. 10 Prozent. Und dein Schwanz bleibt hübsch in seine Stall."

Sticker biss sich auf die Lippe. Schließlich gab er auf. "Okay. Abgemacht. Scheiße, bist du mies drauf." Der Dealer stand auf und verschwand in einem der anderen Zimmer. Kurze Zeit später kehrte er zurück. In seiner Hand hielt er eine durchsichtige Plastiktüte. Fünf Tablettenmagazine mit je zwanzig knallgrünen Pillen grinsten Jazz einladend an. Ohne ein Wort schnappte Jazz sich die Tüte und verstaute sie in der Innentasche ihres Ledermantelns. Dann steckte sie einen Kartenchip in ihr Universal, tippte einige Zahlen ein, und reichte Sticker den Chip. "Danke."

Sticker steckte den Chip in seine Hosentasche und nickte. "Weißt du, was ich bedaure?"

"Was?" fragte Jazz ungeduldig.

"Dass wir beide nicht zusammen arbeiten."

Jazz hob eine Augenbraue. "Wieso? Weshalb sollte ich mir deinen Laden und deine Gesellschaft antun?"

Sticker schnaubte. "Von meiner Person mal abgesehen... Meine Ressourcen und deine Kundschaft: Wir würden Porta Murazor rocken!"

Jazz war verwirrt. Von welcher Kundschaft sprach der Kerl? Entsprechend wortkarg fiel ihre Antwort aus. "Uh?"

"Na, komm schon, Jazz. Glaubst du, ich wüsste nicht, dass du meine Joysters für'n ordentlichen Aufpreis an höherklassige Kunden vertickerst? Ich nehm's dir nicht übel; du bist'ne heiße Nummer und hast echt Klasse. Da öffnen sich viele Türen, die für einen kleinen Dealer wie mich verschlossen sind. Keine Sorgen, dein Geheimnis ist bei mir in besten Händen. Doch, stell dir vor, welche Möglichkeiten wir gemeinsam hätten...!"

Verblüfft starrte Jazz den Kleinganoven an. Mit solchen Mutmaßungen hatte sie nicht gerechnet. Um Zeit zu gewinnen, entgegnete sie: "Wie kommst du denn auf so 'nen Stuss?"

Sticker glotzte sie an, als stelle sie seine Intelligenz in Frage. "Hör mal, ich bin nicht von gestern. Niemand, der nach so vielen Joysters noch zurechnungsfähig bleibt, konsumiert diesen Dreck. Wenn du auch nur die Hälfte dieser Teufelspillen geschluckt hättest, die du in den letzten Monaten bei mir gekauft hast, dann würdest du hier jetzt nicht stehen, sondern in irgendeinem Drecksloch deine Beine für den nächsten Credit breitmachen - wennste dir bis dahin nicht die Lebenslichter in 'nem Pervo-Gangbang aus dem Leib gefickt hast. Scheiße, das Zeug ist so saugefährlich und hundsaddiktiv, das macht dich zur Gewohnheitsnutte schneller als du zwei Orgasmen haben kannst."

Jazz rollte mit den Augen und warf die Hände resignierend in die Luft. "Okay, was soll ich sagen? Touché!" Jazz war zum Schluss gekommen, dass es tausendmal besser war, wenn Sticker diese Geschichte glaubte. Sie war unvorsichtig geworden. Der Typ war nicht dumm.

"Und?" Sticker sah sie hoffnungsvoll an.

Jazz winkte ab. "Vergiss es. Ich ziehe es vor, selbstständig zu sein." Als sie Stickers enttäuschtes Gesicht sah, fügte sie rasch hinzu: "Nimm's leicht. Auch so machst du immer deinen Schnitt mit mir. Außerdem... ich bin nicht immer so ein Eile, wie du weißt." Jazz zwinkerte dem Dealer zu.

Stickers Miene hellte sich auf. "Hmm. Na, schön." Nach einer Pause fügte er hinzu: "Aber lass dich bloß nicht mit dem Zeug erwischen. Ich würde ungerne meine beste Kundin ans PMPD verlieren."

Jazz beruhigte Sticker und versicherte ihm vorsichtig zu sein. Dann verabschiedete sie sich und stürzte sich wieder ins Getümmel von Eden-Island.

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