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Chapter 2 by Reyhani Reyhani

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Freier Wille

„Als Ehrenmann habe ich mich natürlich vollständig der Marquise unterworfen, als ich eingestehen musste, dass sie Recht hatte. Und um diese Unterwerfung unumkehrbar zu machen, habe ich meinen Stand verlassen und habe sie geheiratet“, schloss der Marquis. Dabei lächelte er milde, fast schon unterwürfig, und zupfte seine verrutschte Perücke zurecht.

Mich überraschte diese letzte Wendung nicht, denn der Marquis hatte die Geschichte schon mehrfach in meinem Beisein zum Besten gegeben. Und auch in unserer kleinen Runde, die sich um einen Spieltisch sitzend etwas vom Trubel des Balles abgesondert hatte, dürfte es für kaum jemanden eine echte Neuigkeit gewesen sein. Die meisten hatten mitbekommen, wie im letzten Jahr aus dem in der Wolle gefärbten Priester der halbseidene Marquis geworden war. Dennoch verfehlte die Schlusspointe nicht ihre Wirkung.

Allerdings war die Reaktion zweigeteilt: Die Damen fächelten sich hektisch Luft zu und seufzten resigniert, dass sich ihre Brüste aus den Miedern hoben und wieder senkten. Obwohl sie es besser wussten, hatten sie wahrscheinlich gehofft, dass der Marquis die frivole Prüfung, von der er so freimütig berichtete, doch noch irgendwie meistern würde.

Sie waren doppelt enttäuscht, denn es schien, dass mit der Tugend auch die Schönheit eine Niederlage erlitten hatte. Zwar war der Marquis immer noch äußerst attraktiv. Seine schlanke Figur verriet noch den asketischen Priester, der er bis vor kurzem gewesen war. Sein Lächeln war immer noch so gutmütig, als würde er täglich einer Schar Novizinnen die Beichte abnehmen, anstatt an der Seite einer moralisch so fragwürdigen Frau gefangen zu sein. Aber waren da nicht schon dunkle Ringe unter seinen Augen zu sehen und ein verbitterter Zug um seinen Mund?

Auch die bezaubernde Debütantin, die mir als Mademoiselle T*** vorgestellt worden war, tupfte sich indigniert den Mundwinkel mit dem Taschentuch ab. Ihre blauen Augen funkelten und sie zog ihre spitze Nase kraus, wohl zum Zeichen, dass sie nicht einverstanden mit dem Ausgang der Geschichte war. Die hatte sich so ganz anderes entwickelt als die erbaulichen Romane, die diese jungen Dinger heutzutage alle verschlangen.

In dieser offensichtlichen Empörung über die Niederlage der Tugend erkannte ich den Angriffspunkt, ihre moralischen Fundamente zu unterminieren, um mich ihres unberührten Körpers zu bemächtigen. Doch nicht nur dessen. Im Gegensatz zu den anderen Damen der Runde, die ihren Kopf vor allem dazu benutzten, ihre aufwändigen Frisuren zur Schau zu stellen, war ihrer angefüllt mit einem frischen Geist. Das spornte meinen Willen, sie zu unterwerfen, noch zusätzlich an.

Der Teufel selbst musste mir diese Idee eingeflüstert haben. Er hatte mir schon so oft geholfen, ein Paar feste Brüste zum ersten Mal zu entblättern, schneeweiße Schenkel zu besudeln oder ein reines Herz durch falschen Liebesversprechungen zu verwirren, bevor ich es zerbrach. Dafür hatte ich ihm nie gedankt. Was er mir wohl am Ende für eine Rechnung präsentieren würde?

Soviel zu den Damen. Die Herren in der Runde grinsten mehr oder weniger verholen, je nachdem ob sie alleine oder zusammen mit ihren Ehefrauen gekommen waren. Im Gegensatz zu letzteren empfanden sie eine stille Genugtuung an der Niederlage des Marquis. Wenn schon ein so tugendhafter, glaubensfester und intelligenter Mann, einer solchen Aufgabe nicht gewachsen war, dann würde man so etwas von ihnen wohl kaum verlangen können.

Die Marquise hatte die Herren im Griff wie den Schönheitsfleck, der in ihrem Dekolleté zwischen den beiden prallen Halbkugeln eingeklemmt war, zu denen ihre schon welken Brüste durch ihr straffes Mieder zusammengedrückt wurden. Für sie und alle anderen in der Runde rekapitulierte die Marquise noch einmal wenig verhüllt ihre ketzerischen Ansichten:

„Am Ende musste auch mein jetziger Mann einsehen, dass wir alle nur unserem Appetit folgen und die Mäßigung, die er so beständig gepredigt hat, lediglich eine Selbsttäuschung war. Allerdings bewundere ich ihn bis heute dafür, mit welcher Konsequenz er seinen Irrglauben hinter sich gelassen und gleich der ganze Institution der Kirche den Rücken gekehrt hat.“

In der Öffentlichkeit des Balles hatte der Marquis seine Geschichte meisterhaft unverfänglich gehalten. Die Marquise hätte ihn zu einer wahrhaft biblischen Prüfung herausgefordert: Gleich einer modernen Eva wollte sie ihm die verlockendsten Früchte ihres Gartens auftragen lassen. Sie wettete, er wäre nicht imstande, sich des Naschens zu enthalten. Das würde ein für alle Mal die Schuld von den Frauen nehmen, der sie von der Kirche bis heute fälschlicherweise bezichtigt würden.

Dann hätte sie ihm, spann der Marquis weiter aus, die reifsten, duftendsten und verführerischsten Früchte ihres Gartens vorgesetzt: rotwangige Äpfel, spritzige Zitronen, schwere Melonen und leuchtende Erdbeeren. Aber erst beim Anblick der reifen Feigen, deren süßer Duft ihm betörend in die Nase gestiegen war, geriet der Marquis, damals noch ein einfacher Priester, ins Wanken.

Er brach die Feigen mit gierigen Fingern auf, um in Verzücken über ihr rosafleischiges Inners auszubrechen. So als sei es gestern gewesen, beschrieb er, wie er das süße, sämige Fruchtfleisch aus dem Inneren der Frucht saugte. In seiner Gier gerieten immer mehr der Fasern zwischen seine Zähne, doch es war ihm egal, denn gleichzeitig war sein Geschmackssinn betört von dem Aroma, dass ihm fast schwindelig wurde.

Ebenso ging es den Zuhörern und Zuhörerinnen, denen die Szene längst so lebhaft vor Augen stand wie auf den Stichen der freizügigen Bücher, die in den Giftschränken ihrer Bibliotheken lagerten. Sie hingen an seinen Lippen, denn der Marquis erzählte seine drohende Niederlage mit leuchtenden Augen, wobei er immer wieder fast zärtlich zu seiner jetzigen Gattin hinüberblickte.

Diese versuchte den Schein einer blasierten Gleichgültigkeit zu wahren. Doch ich durchschaute ihre Maske. Das hektische Fächerspiel, die nervösen Finger, die stolzgeschwellte Brust – die Marquise konnte es offensichtlich immer noch nicht fassen, dass sie es geschafft hatte, den Priester zu betören und zu sich hinunterzuziehen.

Ich musste ihr im Stillen zustimmen. Wie ihr Gatte war sie nicht mehr die Jüngste. Ihre Wangen begannen zu hängen, ihr Dekolleté war so weiß und glatt, wie es nur mit einem Übermaß an Puder zu erreichen war, und über ihre Schenkel und ihr Gesäß wollte ich gar nicht erst nachdenken. Dieses Geheimnis sollten ihre Röcke aus schimmerndem Satin wahren – so wie ich aus Prinzip eine großen Bogen um die Bordelle der Flussschiffer am Hafen machte und keinerlei Nachforschungen über die Beschaffenheit der Hurenärsche in diesem Teil der Stadt anstellte.

Überhaupt hatte ich die Wandlung unsers Unterhalters vom allseits verehrten Seelsorger, Vorbild für die Jugend und Tröster der Witwen zum zwielichtigen Adligen nie nachvollziehen können. Wenn er seiner Rolle überdrüssig war, warum setzte er sich nicht in einem der allseits bekannten Klöster zur Ruhe, die sich darauf spezialisiert hatten, den Novizinnen die Gottesliebe auf ganz handfeste Weise spüren zu lassen? Von diesen Institutionen las man doch jetzt allenthalben.

Es musste wohl das beträchtliche Vermögen und der Landbesitz der Marquise gewesen sein, die den Ausschlag gegeben hatten. Einen anderen Grund konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wie ich auch seine Vorliebe für matschige, überreife Feigen nicht nachvollziehen konnte. Mein eigener Wille war, um im Bild zu bleiben, auf aromatische, feste Pflaumen gerichtet.

Unsere Runde strebte auseinander und ich heftete mich an die Fersen von Mademoiselle T***. Noch entrüstet vom kläglichen Scheitern ihres Idols, des auf den Hund gekommenen Priesters, floh sie schnellen Schrittes den Salon. Ich holte sie erst draußen auf der Terrasse des Schlosses ein. Sie kraulte ein schwarzes Kätzchen, das auf der Balustrade balancierte. Der abrupte Wechsel in die kühlere Nachtluft ließ ihre Wangen in einem tieferen Rot leuchten und zauberte einen Schauer auf ihre nackten Arme und Schultern, der etwas Erotisches hatte. Ich sah das als Zeichen für eine günstige Gelegenheit und trat an sie heran:

„Glauben Sie mir, meine Teuerste, der Marquis ist kein so schlechter Mensch, wie es Euch erscheinen mag. Es ist nicht seine Tugend, die er bei der Pfandleiherin versetzt hat, sondern vielmehr der Applaus, den das eitle Publikum ihm für seine tugendhaften Handlungen zollte. Ein durch und durch scheinheiliger Applaus, das werdet Ihr zugeben müssen. Der Marquis hat nicht gezögert, weil er diesen gegen etwas Höheres eingetauscht hat: die Liebe. Und als Mann Gottes war der Marquis sicher, dass dieser Preis Gnade in den Augen des Allerhöchsten finden würde.“

Mademoiselle sah mich aus ihren blauen Augen verträumt an. Jetzt war es Zeit, den Köder auszuwerfen. In diesem Sinne fuhr ich fort:

„Der Marquis war immer schon mein Freund und Vorbild. Ich habe lange darüber gerätselt, was ihn zu seinem Schritt bewogen hat. Erst heute Abend, als ich Euch im lauten Getümmel des Ballsaals erblickte, habe ich ihn verstanden. Es ist tugendhaft, dass sich die Tugend der Liebe unterordnet. Ich will Euch danken, dass Ihr mir zu dieser Erkenntnis verholfen habt. Ich flehe Euch an, lasst uns zusammen auf dem Pfad dieser neuen Tugend wandeln, auf dem unser verehrter Freund, der Marquis, uns so kühn vorangeschritten ist.“

Ihre Hand ergreifend ging ich in die Knie, so dass ich sie von unten anschauen konnte. Sie starrte mich an und zog wieder auf diese entzückende Art ihr Näschen kraus. Ein schüchternes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ich konnte sehen, wie meine Worte wie ein Gift ihre erste Wirkung zeigten, auch wenn sie den Organismus noch nicht in Gänze übermannt hatten. Sie beugte sich ein wenig zu mir hinunter und sprach leise, so als wollte sie vermeiden, dass uns jemand auf der ansonsten leeren Terrasse hörte.

„Wie schön, dass ich endlich einen Gleichgesinnten gefunden habe. Natürlich hat der Marquis seine Tugend nicht verloren und auch meine Freundin, die Marquise, ist nicht die teuflische Versucherin, die alle in ihr sehen. Die beiden haben es mir genau erklärt, als ich sie in der letzten Woche auf ihrem Landsitz besucht habe. Sie haben wirklich einen der blühendsten und fruchtbarsten Gärten der ganzen Region. Ihr glaubt nicht, was für lange, feste Gurken, Courgetten und Auberginen ich dort gesehen habe ...“

Sie kicherte und errötete auf eine mädchenhafte Art, dass sich mein Verlangen ins Unermessliche steigerte. Diesen Fisch durfte ich nicht vom Haken lassen.

„Die Liebe ...“, versuchte ich sie zurück in die Honigfalle zu lenken.

„... mit der verhält es sich nicht anders als mit der Leidenschaft oder der Begierde. Diesen Naturkräften sind wir hilflos ausgeliefert, sie bestimmen unser Handeln, der freie Wille ist nur eine Chimäre. Wir müssen ihnen nachgeben und wir dürfen es auch, denn wer anderes als Gott selbst steckt hinter dieser ominösen Natur. So haben es mir meine Gastgeber erklärt: Wir folgen unseren natürlichen Leidenschaft aber versündigen uns in den Augen des Allmächtigen nicht, denn diese Leidenschaften kommen von ihm selbst. Es war ein so lehrreicher Besuch. Inmitten ihres Gartens haben mir die Marquise und der Marquis ein großes Wunder der Natur vorgeführt ...“

Einen Moment war sie still und blickte verträumt durch mich hindurch. Dann fuhr sie fort:

„Mein lieber Freund, es steht Euch frei, mich einmal zu begleiten. Der Marquis kann Euch diese neue Theologie viel besser erklären als ich. Auch wenn er kein Geistlicher mehr ist, so bleibt er doch ein Mann des Geistes ... und mehr als das ... Verzeiht, ich muss jetzt gehen. Ich hoffe, Euch bald einmal im Garten unserer Freunde wiederzusehen.“

Damit ließ sie mich auf dem Boden kniend zurück und verschwand im goldenen Licht des Ballsaals, das aus der Tür zu uns heraus auf die Terrasse fiel. Mir war übel. Zu dem Obstsalat des Marquis war nun noch das Gemüse von Mademoiselle dazugekommen. Zusammen mit der philosophischen Marinade eine unverdauliche Mischung.

Ihren Erfolg wollte ich den beiden gönnen. Sollte die Marquise doch mit ihren trockenen Fingern die saftigen Titten von Mademoiselle begrapschen, während der Marquis ihr das enge Fötzchen mit seinem fetten Priesterschwanz aufbohrte. Aber was sollte dabei dieses sophistische Gefasel von der Natur?

Durch die Abschaffung der Sünde zogen sie Mademoiselle nur auf die Stufe einer jungen Wäscherin oder Dienstmagd hinab, die für ihre jugendliche Geilheit ja allseits bekannt sind. Und was brachte die Leugnung des freien Willens dem Verführer? Lediglich den wie ein Uhrwerk berechenbaren Impulsen der menschlichen Triebe zu folgen – das schien mir doch ein allzu billiges Vergnügen.

Ich konnte nur hoffen, dass das alles nur eine Täuschung war und Marquis und Marquise nicht an das glaubten, was sie predigten. Wenn sie wirklich solche Freigeister waren, war dieses Land dem Untergang geweiht.

Mühsam richtete ich mich auf und trat missmutig nach der schwarzen Katze, die sich wie zum Trost an mein Bein schmiegen wollte. Was jetzt? Vermutlich war das Bordell am Hafen der einzige Ort in dieser Stadt, wo man noch an den freien Willen des Teufels glaubte.

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