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Falk OHG

Chapter 5 by kokosmilch kokosmilch

Eine knappe Stunde später stand Eylem vor der Adresse von der Visitenkarte. Ein heruntergekommenes Backsteingebäude in dem weitgehend verwaisten Gewerbegebiet am Ortsrand. Die letzten Jahre hatten Draßburg nicht viel Gutes gebracht. Industrieruinen und rostige Ketten an verschlossenen Toren waren die stummen Zeugen des Niedergangs. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Nur ein nagelneu wirkendes Schild mit der Beschriftung "Falk OHG" neben dem Hauseingang bestätigte ihr, dass sie hier richtig war.

Drinnen erwartete sie der Geruch nach kaltem Kaffee und scharfen Reinigungsmitteln. Eine Staubschicht auf dem unbesetzten Empfangstresen zeigte an, dass an ihm schon lange niemand mehr gesessen hatte. Am Ende eines Flurs, der tiefer ins Innere führte, konnte sie eine offenstehende Tür sehen. Aus der Richtung hörte sie eine Stimme, die ihr vage bekannt vorkam.

Martin Falk.

Wer sonst? Er erwartete sie. Schließlich hatte sie die Kontrolle angekündigt.

War sonst noch jemand bei ihm? Die Geräusche klangen nach einem Gespräch. Eylem spitzte die Ohren, in der Hoffnung, mehr zu erfahren, aber Entfernung und Echos verzerrten die Worte so, dass sie nichts verstehen konnte. Vom Tonfall und den Pausen her schien es nur die eine Hälfte einer Unterhaltung zu sein; vermutlich telefonierte er.

Entschlossen ging Eylem den Flur entlang. Kein Teppich dämpfte das laute Klacken ihrer Stiefelabsätze. An den Wänden hingen verblichene, großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien alter LKWs und Güterwaggons. Alles wirkte, als hausten hier nur die Geister vergangener Zeiten.

Das Gespräch verstummte, vermutlich hatte er die näherkommenden Schritte gehört.

Vor der offenen Tür blieb sie stehen.

Das Büro war penibel sauber, modern eingerichtet. Nicht protzig, eher funktional. Weicher Teppichboden und helle Vorhänge vermittelten eine fast wohnliche Atmosphäre und schluckten Geräusche. Alles in Allem ein krasser Kontrast zu dem, was Eylem bis dahin gesehen hatte.

Martin Falk saß hinter einem großen Schreibtisch aus dunklem Holz. Vor ihm lag nur ein Mobiltelefon. Keine Papiere. Kein Schreibzeug. Kein Computer.

Er sah ihr entgegen, beide Hände flach auf der Tischplatte.

"Außerordentlich pünktlich", begrüßte er sie mit belustigtem Unterton, "wie es sich für eine deutsche Beamtin gehört."

Mit einer lässigen Geste lud er sie ein, auf dem Besucherstuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen. Wenn sie sich dort setzte, könnte er wieder auf sie herabschauen und die Rollen wären klar verteilt. Er wäre der Boss und sie die Bittstellerin. Fast unmerklich schüttelte sie den Kopf und blieb stehen.

"Das ist kein Höflichkeitsbesuch. Ich bin hier, um die Frachtpapiere zu prüfen."

"Natürlich."

Er zog einen Mundwinkel hoch und wies auf eine lange Reihe sauber aufgestellter Aktenordner auf einem Besprechungstisch.

"Bestellungen. Frachtbriefe. Zollpapiere. Rechnungen. Zahlungsbelege. Liefernachweise. Die letzten zehn Jahre, chronologisch sortiert. Wenn Sie mehr Unterlagen brauchen, sagen Sie einfach Bescheid."

Eylems Schultern sackten nach unten. Es würde Stunden, wenn nicht Tage dauern, die Ordner zu sichten. Sie entschied, erstmal nur Stichproben zu machen und, wenn sie auch nur eine Unregelmäßigkeit fände, die Abteilung für Wirtschaftskriminalität zu informieren. Aber ohne einen konkreten Hinweis wagte sie nicht, den ganzen Ermittlungsapparat einzuschalten. Nach dem Desaster in Berlin konnte sie sich keinen zweiten Fehler leisten.

Andererseits, wenn sie einen dicken Fisch fing – und sie zweifelte keine Sekunde, dass Martin Falk einer war – wäre das eine Empfehlung für die Versetzung zurück nach Berlin, vielleicht sogar für eine Beförderung.

Sie hatte keine Wahl. Da musste sie jetzt durch.

Sie seufzte leise, setzte sich an den Tisch und zog einen zufällig ausgewählten Ordner zu sich.

Hinter sich hörte sie das leise Knarren des Stuhls, als Falk sich erhob. Der tiefe Teppich machte seine Schritte beinahe unhörbar. Aber Eylem spürte ohne hinzusehen, wie er sich näherte. Die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf.

Dann umhüllte sie wieder der Duft von Tabak und Leder. Und noch mehr. Ein Geruch, den sie nur als männlich bezeichnen konnte.

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