Was machen sie jetzt mit ihrer "Zielperson"?
Erst mal sicher nach Hause bringen
Auf der Heimfahrt herrschte im Wagen immer noch angespanntes Schweigen. Die gelassenste Person war dabei sicherlich der ältere Mann auf dem Rücksitz, der kurz nach ihrer Abfahrt eingedöst war. Viktor links von ihm wirkte auch etwas müde und zerschlagen, vielleicht vom Einsatz seiner Kräfte, während Steffen auf der anderen Seite der Rückbank leicht nervös auf seiner Unterlippe kaute und immer wieder aus dem Fenster sah, ob sie nicht doch verfolgt wurden. Und Alex auf dem Fahrersitz war natürlich voll darauf konzentriert, bloß keine Verkehrsregeln zu brechen und auch sonst nicht aufzufallen.
Als sie dann aber einige Stunden später auf den unbefestigten Weg einbogen, der zur Villa führte und das Auto kurz etwas schwankte und wackelte, wachte die "Zielperson" doch auf, und zum ersten Mal schien sie zu bemerken, in welcher Situation sie hier war. "Was zum- Was geschieht hier? Wo bringen Sie mich hin?"
"Ganz ruhig, Dr. Arnim", sagte Steffen und sah zu ihm, "wir sind gleich da. Ihnen wird nichts geschehen. Zumindest nichts auch nur ansatzweise so Schlimmes, wie Sie es anderen Leuten angetan haben."
"Sie sind Zarathustras!" erkannte Dr. Arnim. "Das- Damit werden Sie nicht durchkommen! Mit Sicherheit wurde bereits eine Großfahndung nach mir ausgelöst! In spätestens sechs Stunden hat man Sie gefunden! Lassen Sie mich frei, dann kommen Sie vielleicht mit dem Leben-"
Viktor stieß ihn unsanft mit dem Ellenbogen in die Seite. "Halt die Klappe, Opa", brummte er. "Deine Handlanger suchen nach mir schon ein halbes Jahr lang, seitdem ich ihnen entkommen bin. Die werden dich niemals finden!"
Steffen räusperte sich vernehmlich. "Bitte ein bisschen Respekt für unseren Gast, Mustermann", sagte er, "wir sind doch keine Unmenschen. Im Gegensatz zu unserem Staat gehen wir anständig mit Leuten in unserer Obhut um."
Dr. Arnim blickte weiterhin mit deutlichem Unbehagen zu Viktor. "Ich- Mit Ihnen hatte ich nie etwas zu tun. Und 'Handlanger' habe ich auch keine. Ich betreibe nur Forschung! Zwar im Auftrag der Regierung, aber ich stimme bei weitem nicht mit allem überein, was über Sie und andere Menschen Ihrer genetischen Veranlagung verbreitet wird-"
"Sparen Sie sich das für später", unterbrach ihn nun Steffen, "oder besser, sparen Sie es sich ganz. Sie hätten es ablehnen können, bei den Regierungsexperimenten mitzumachen, und Ihnen wäre nichts passiert. Aber die Bezahlung war bestimmt sehr verlockend, darum haben Sie mitgemacht. Dementsprechend können Sie sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Aber vielleicht können Sie wieder gutmachen, was Sie angerichtet haben."
"Und- wie?" Der Wissenschaftler drehte sich zu ihm um. "Wie kann ich das wieder gutmachen? Sagen sie es mir!"
Steffen lächelte, griff in seine Manteltasche und holte einen großen Beutel aus schwarzem Stoff hervor. "Zuallererst einmal", sagte er, "indem Sie sich den hier über den Kopf ziehen. Damit wir Sie irgendwann auch mal wieder freilassen können, ohne dass Sie ausplaudern, wo Sie waren."
Einige Minuten später kamen Sie dann an der Villa an. Dr. Arnim hatte sich tatsächlich freiwillig den Beutel übergezogen, und Alex und Steffen führten ihn in den Keller der Villa, wo sie einen Raum speziell für ihn vorbereitet hatten. Er war nicht wirklich eine Gefängniszelle, aber nahe daran: die Tür hatte ein großes Sichtfenster aus bruchsicherem Glas, die Inneneinrichtung war funktional, aber spartanisch - neben einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl gab es eine Campingtoilette, einem Waschbecken und einem Wasserspender. Der Lichtschalter für den Raum befand sich außen, außerdem eine Gegensprechanlage, durch die man mit einem Insassen reden konnte, ohne die Tür zu öffnen. Erst, nachdem sie den Wissenschaftler in den Raum geführt hatten, erlaubten sie ihm, die Kopfbedeckung wieder abzunehmen, und das auch erst, nachdem Alex nach draußen und außerhalb seiner Sicht gegangen war.
"Wir werden in den nächsten Tagen eine Menge Fragen an Sie haben", sagte Steffen zu ihm. Zuerst aber einmal möchten wir, dass Sie sich noch etwas ausschlafen und etwas essen, ehe wir mit der Befragung beginnen. Wir sind keine Unmenschen, wie ich sagte. Und wenn Sie mit uns kooperieren, werden Sie auch nicht viel Zeit hier verbringen müssen."
"Was genau wollen Sie denn wissen?" erkundigte sich Dr. Arnim vorsichtig. "Ich kenne keine Informationen, die Ihnen bei Ihrem Kampf besonders weiterhelfen wür-"
Steffen hob eine Hand. "Später. Ruhen Sie sich erst einmal aus. Schlafen Sie noch ein paar Stunden. Ich bringe Ihnen später Frühstück, danach reden wir." Mit diesen Worten ging er und schloss die Tür hinter sich.
Als er außer Sicht war, trat Alex sofort auf ihn zu. "Warum bist du so nett zu ihm?" wollte er wissen. "Wenn er sich jetzt ausschlafen kann, dann hat er doch vielleicht morgen genug Mut gefasst, um uns irgendwelchen Käse vorzulügen. Jetzt, wo er eingeschüchtert ist, können wir ihn doch viel besser verhören."
"Könntest du jetzt schlafen, wenn dir das gleiche wie ihm passiert ist?" fragte Steffen kalt lächelnd. "Der wird sich doch den Rest der Nacht den Kopf darüber zermartern, wie wir es geschafft haben, dass er freiwillig mit uns kommt. Du hast doch selbst erlebt, wie Mustermanns Kräfte sich anfühlen. Er hat zwar auf der Fahrt geschlafen, darum steht er nicht mehr unter seinem Einfluss, aber das macht den Unterschied zwischen vorher und nachher doch noch viel deutlicher."
"Aber jetzt ist er doch gerade total fertig", widersprach Alex, "und vielleicht leichter zu brechen."
Steffen schüttelte den Kopf. "Ich verspreche dir, morgen wird er nicht viel fitter sein als jetzt. Und dann sind wir extrafreundlich zu ihm und geben ihm jeden Grund, uns für vertrauenswürdig zu halten. Wenn wir jetzt ein hartes Verhör anfangen, riskieren wir, dass er dichtmacht. Einfach nur um zu verhindern, dass wir gefährliche Terroristen etwas in die Hände bekommen, mit dem wir Chaos und Zerstörung verbreiten können. Wenn er uns glaubt, dass wir nichts Böses im Sinn haben, ist die Chance viel größer, dass er kooperiert."
Alex war nicht überzeugt. "Und wenn das nicht klappt?"
"Dann können wir immer noch andere Saiten aufziehen", sagte Steffen, klopfte ihm auf die Schulter und ging an ihm vorbei die Treppe nach oben.
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