What's next?
Einfach nur folgen
Biancas Worte trafen sie unerwartet, während sie einfach nur wartete, mit der Leine locker in der rechten Hand und in der anderen die Gerte. Für sie schien es das Selbstverständlichste der Welt zu sein. Nichts an ihrer Haltung wirkte angespannt. Sie musste nicht ziehen, nicht drängen. Allein ihre Erwartung genügte. Caroline holte unbewusst noch einmal tief Luft. Langsam verlagerte sie ihr Gewicht nach vorn und erhob sich vom Boden. Ihre hinter dem Rücken verbundenen Hände zwangen sie dabei zu einer unbeholfenen Bewegung. Erst jetzt bemerkte sie, wie sehr sie sich normalerweise mit den Armen ausbalancierte. Selbst etwas so Alltägliches wie das Aufstehen verlangte plötzlich Konzentration.
Kaum stand sie, spürte sie bereits ein leichtes Ziehen am Halsband. Es war nicht schmerzhaft, sondern eher bestimmend und wie die Erinnerung, ihr zu folgen. Bianca hatte sich bereits umgedreht und ging mit ruhigen Schritten auf die Tür zu. Widerstandslos folgte Caroline ihr. Aber nicht, weil die Leine sie dazu zwang, sondern weil sie wusste, dass sie es sollte. Sie erschrak über diesen Gedanken, während sie hinter Bianca den Raum verließ. Sie spürte zum ersten Mal bewusst, dass sie die Entscheidungen nicht mehr traf. Regungslos sah sie zu, wie die Tür hinter ihr zufiel und Bianca sie abschloss. Das satte Klacken des Schließzylinders hallte durch die Stille des Flurs und machte ihr endgültig klar, dass ihre Klamotten jetzt unerreichbar für sie waren.
Erneut spürte sie den Zug der Leine und folgte ihm. Die Tapsen ihrer nackten Füße auf den alten Dielen waren das Einzige, was im Halbdunkel des Flurs zu vernehmen war. Ohne Widerstand trottete sie hinter ihr her und folgte der Leine, die fast die ganze Zeit dabei locker blieb. Stattdessen ertappte sie sich dabei, jeden Schritt von Bianca einen Augenblick vorher zu erahnen. Und mit jedem Schritt wurde ihr klarer, wie sich die Dinge verändert hatten.
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlte sie sich nicht mehr wie eine Besucherin. Auch nicht wie eine Journalistin, die für eine Geschichte recherchierte. Stattdessen wurde sie jetzt geführt. Sie war nicht mehr die junge, selbstbestimmte Frau, die vor kurzer Zeit in dieses Haus gekommen war. Als Journalistin war sie es gewohnt, eigene Entscheidungen zu treffen, Fragen zu stellen und Situationen zu kontrollieren. Jetzt bestimmte Bianca über sie und was passieren würde. Die Frau, die sie eigentlich hatte befragen wollen und der sie jetzt nackt, geknebelt und gefesselt wie eine Hündin an der Leine folgte.
Unwillkürlich glitt ihr Blick zu der Leine zwischen ihnen. Sie wirkte beinahe harmlos. Ein schmaler Lederriemen, weiter nichts. Und doch genügte er, um ihr eine Rolle zuzuweisen. Für Außenstehende musste es aussehen, als würde ihr eigener Wille in diesem Augenblick keine Rolle mehr spielen. Der Gedanke ließ sie innerlich zusammenzucken.
Gleichzeitig erschrak sie über sich selbst. Sie empfand keine Wut oder den Drang, sich loszureißen. Stattdessen folgte sie schweigend, beinahe selbstverständlich, und genau das machte ihr Angst. Nicht die Leine nahm ihr die Freiheit, sondern allein ihre Entscheidung, diese abzugeben.
Sie fragte sich, ob Bianca dies mit Kontrolle gemeint hatte. Nicht unter Zwang, sondern freiwilliges Folgen. Der Gedanke daran ließ sie nicht los. Sie hatte sich immer für einen unabhängigen Menschen gehalten. Wieso hatte sie es zugelassen, sich selbst in diese Situation zu bringen? Sich auf Zeit dieser ihr doch fremden Frau auf diese Weise auszuliefern. Hatte ihre Neugier wieder einmal gesiegt und würde sie nun erneut in Teufels Küche bringen?
Schritt für Schritt folgte sie ihr in der Richtung des Lichts am Ende des Flurs. Hier im Halbdunkel, welches sie umgab und einhüllte, wirkte es wie das Licht am Ende eines Tunnels, dem sie sich unaufhaltsam immer weiter näherte. Instinktiv spitzte sie die Ohren, als sie ferne, fremde Geräusche vernahm. Obwohl sie diese nicht genau identifizieren konnte, wusste sie, dass diese nicht zum Haus gehören konnten. Es war nicht das natürliche Knarren von einem alten Gebälk, sondern es klang mechanisch.
Unbewusst hatte sie ihr Tempo verlangsamt und wurde durch den plötzlichen Zug am Hals daran erinnert, zu folgen. Mit jedem Schritt wurden die Geräusche deutlicher und ließen die Anspannung in ihr wachsen. Auch glaubte sie, jetzt Stimmen dazwischen zu hören. Waren sie etwa nicht allein und gar Handwerker im Haus? Gleichzeitig erinnerte sie sich auch, dass Bianca kurz ihren Mann erwähnt hatte. Ein kühler Luftzug auf ihrer Haut machte ihr unmissverständlich klar, wie sie gerade aussah und in welcher peinlichen Situation sie sich befand. Inständig hoffte sie, ungesehen davonzukommen und keine neue überraschende Bekanntschaft zu machen.
Folgsam betrat sie, Bianca immer noch an der Leine folgend, die lichtdurchflutete große Empfangshalle der alten Villa. Das hohe Treppenhaus öffnete sich über ihr bis unters Dach, während das Halbdunkel und die Kühle des Flurs schlagartig angenehm der Wärme des Lichts wichen. Sie war so sehr damit beschäftigt, die Flut ihrer Gedanken zu ordnen, dass sie die Details des Raumes zunächst kaum wahrnahm.
Erst die jetzt deutlicher zu hörenden Stimmen ließen sie aufhorchen. Sie kamen scheinbar aus dem rechten Seitenflügel der Villa. Bianca verlangsamte ihren Schritt nicht und wollte gerade in den gegenüberliegenden Flur abbiegen, als eine Männerstimme durch die Halle klang.
„Frau Winter, haben Sie einen Moment?“
Was er wohl will?
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