Was wird das denn jetzt bei Viktor?
Ein ganz mieser Verrat
"Klingt gut", sagte Dao sofort, "aber hast du eine Idee, wo? Ich kenn außer dem hier keine andere Gemeinschaft."
"Ich schon", gab Viktor zurück. "Eine andere Gruppe von Leuten wie uns, und bei denen darfst du sein, wer du willst."
Steffen sah ihn verblüfft an. "Was bitte? Woher willst ausgerechnet du denn andere kennen? Du warst monatelang in Gefangenschaft, wie Dao-"
Viktor lächelte. "Ich war aber nicht mein ganzes Leben in Gefangenschaft", sagte er, "und vor euch war ich schon mit anderen zusammen. Die waren nicht ganz so große Spießer wie ihr."
"Also, diese 'Spießer' hier haben dich immerhin gerettet", warf Alex ein. "Ein bisschen Dankbarkeit wäre nett."
"Außerdem", fügte Steffen hinzu, "wenn du andere wie uns kanntest, warum hast du nie was von ihnen erwähnt?"
Viktor seufzte. "Weil ihr vielleicht nicht gemocht hättet, wen ich vor euch kannte. Ihr kanntet ihn nämlich auch."
Einen Moment sah Steffen ihn verwirrt an, dann verstand er plötzlich. "Ikarus? Du warst mit Ikarus-"
"Nachdem ihr ihn so 'freundlich' rauskomplimentiert habt, hat er sein eigenes Ding gemacht", sagte Viktor. "Da war ich ein Teil davon. Leider nicht lange; ich war einen Moment lang unvorsichtig. Aber er hat mich nicht vergessen. Und jetzt ist der richtige Zeitpunkt, zu ihm zurückzukehren." Er klopfte mit einer Hand auf den Laptop, den er unter dem Arm trug und von dem die anderen eben erst merkten, dass er ihn überhaupt dabei hatte.
"Das ist doch Pandoras-" fing Alex an.
Aber Viktor schüttelte den Kopf. "Jetzt ist es meiner. Pandora wird ihn bestimmt später vermissen, aber im Moment wohl noch nicht." Er sah zu Dao. "Komm mit mir. Bei uns kannst du ganz und gar sein, wer du bist, und niemand schreibt dir vor, was du zu tun und lassen hast."
Dao strahlte. "Das klingt toll!"
"Dao, du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt", warf Steffen ein. "Uns kennst du. Wir kümmern uns um dich. In unserer Gemeinschaft bist du sicher. Hier denkt jeder an den anderen."
"Das will Dao aber nicht", sagte Viktor. "Dao will ihr eigener Mensch sein. Sie will nicht an andere, sondern nur an sich selbst denken." Er sah zu Steffen. "Sie war lange genug mit mir zusammen, um sich von diesen Zwängen zu befreien. Du kannst sie nicht länger kontrollieren."
Steffens Augen verengten sich. "Nicht ich kontrolliere Menschen, du tust das! Mit deinen Kräften! Dao, was auch immer du gerade denkst, du stehst unter Viktors Einfluss."
Viktor lächelte nur sanft. "Tut sie nicht. Im Gegenteil. Sie ist frei von fremden Einflüssen. Wer längere Zeit mit mir zusammen verbringt, der wirft den Gedanken ab, dass er irgendwem was schuldig ist. Ich hab selbst eine Zeit gebraucht, um zu merken, dass ich diese Fähigkeit besitze - die hab ich erst seit den Experimenten an mir. Wahrscheinlich wollten sie mich auch deswegen töten - weil ich die Menschen von ihren Zwängen befreie."
"Du befreist niemanden!" widersprach ihm Alex. "Kapierst du nicht, wie deine eigenen Kräfte funktionieren? Du bringst Menschen dazu, dein eigenes Verhalten für normal zu halten! Und weil du ein Scheiß-Egoist bist, der nur sich selbst der nächste ist, machst du andere auch dazu! Darum war Connor auch so seltsam drauf, und auch Jessie hat mich nur wegen deinem Einfluss auf unserer Mission kontrolliert!"
"Weder Connor noch Jessie haben was gemacht, das nicht sowieso gewollt hätten", konterte Viktor. "Sie haben sich vorher immer nur für dich und die anderen verbogen, haben sich euretwegen zurückgenommen. Damit ist jetzt aber Schluss."
Alex spuckte verächtlich aus. "Du bist so ein Depp. Du hast nicht mal Ahnung, ob Ikarus dich wirklich wieder zurückhaben will", warf Alex ein. "Mit deinen Kräften machst du es ihm nicht leicht, irgendwas aufzubauen."
"Oh, da irrst du dich." Viktor strahlte jetzt förmlich. "Wie ich sagte, er hat mich nicht vergessen. Und er will mich weiterhin. Jetzt, wo ich ihm das hier bringen kann" - er hob den Laptop noch einmal an - "sogar noch mehr als vorher."
Steffen seufzte. "Und woher willst du das so genau wissen?"
"Weil er mir eine Nachricht geschickt hat", grinste Viktor. "Steffi hat ihm verraten, wo er mich findet."
"Steffi?" Steffen sah ihn alarmiert an. "Heißt das, auch sie-"
Viktor seufzte übertrieben enttäuscht. "Leider hat sie keine Lust, euch fallenzulassen - das Luxusleben als Connor gefällt ihr viel zu gut."
"Aber eine Nachricht..." Steffen runzelte die Stirn. "Pandora hat doch alle Kommunikationswege im Blick. Wie hat Ikarus dich denn kontaktieren können?"
Da öffnete sich die Tür der Villa, die bislang nur einen Spalt aufgestanden hatte, völlig, und heraus trat Anna, in all ihrer paradiesischen Nacktheit.
"Ich war die Nachricht für Viktor", sagte sie mit einem sehr selbstzufriedenen Grinsen im Gesicht. "Bei Ikarus heißt er allerdings nicht Viktor, oder Mustermann. Er nennt ihn 'Mastermind'."
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