What's next?
Die Tante aus dem Dorf
Chris merkte noch, wie Emma und Louis ihm kurz hinterherschauten, dann aber wieder nur Augen füreinander hatten. Was ihm einen Stich gab, denn durch Emmas Anblick hatten sich mal wieder seine Schwellkörper gefüllt. Und kurze Zeit später kam ihm auf dem Fahrrad eine junge Frau entgegen, die ebensolche Reaktionen bei seinem Körper erzeugte und die er gut kannte und als Kind immer „Tante Melanie“ nannte, da sie Wert darauf legte, obwohl sie nur zehn Jahre älter als er war, also noch nicht ganz 30, sie war „so was wie die Halbschwester“ seiner Mutter, so ganz erklären, wie die Verwandtschaft war, hatte ihm keiner können; es sei wohl bei Melanies Geburtseintrag ein Fehler passiert, sodass sie juristisch anders verwandt war als biologisch ... Chris hatte sich auch nicht mehr weiter damit beschäftigt, da, ehe sie kurz zuvor wieder in den Ort gezogen war, nur sehr selten gesehen hatte. Sie hatte studiert, auch im Ausland, und in einer Großstadt bei einem Verlag gearbeitet, die Stellung dort wegen einer „toxischen Beziehung“ aufgegeben und aus demselben Grund hierher in die Heimat gezogen, wo sie nun freiberuflich von zu Hause aus als Übersetzerin für Griechisch und Rumänisch arbeitete und dank ihres Netzwerkes eine sehr gute Auftragslage zu haben schien. Über die „toxische Beziehung“, die wohl dafür verantwortlich war, dass Melanie wieder in die Nähe ihrer Angehörigen gezogen war, schwieg sie sich derart eisern aus, dass nicht klar war, ob es sich bei dem Widerpart um einen Mann oder eine Frau handelte oder ob die Geschichte eventuell weshalb auch immer nur vorgeschoben war. Auf einer Familienfeier hatte er mal gehört, Tante Melanie sei auf ihrer Abifeier entjungfert worden, aber ansonsten wusste er über ihr Liebes- und Sexleben rein gar nichts.
Und so begrüßte Chris sie ganz gewohnheitsmäßig mit „Hallo Tante Melanie“, was ihm von ihr ein Lächeln und ein scherzhaft tadelndes „Aber Chris, wie alt bist du? Acht oder achtzehn? Du bist kein Kind mehr, sondern ein erwachsener junger Mann, sag also bitte einfach Melly zu mir, wie alle anderen es auch tun. Deine Mutter ist doch zu Hause, oder?“
Nein, die war spontan weggefahren mit ein paar Freundinnen, Chris und seiner Schwester waren ja groß und volljährig und kämen ja auch drei Tage gut allein zurecht. Wobei seine Schwester natürlich die Gelegenheit genutzt und gleich zu ihrem Freund gegangen war und frühestens in zwei Tagen zurückkommen würde. Einen Vater gab es zwar, aber der arbeitete viel im Ausland. Melly fluchte, als sie das erfuhr, sagte: „Tut mir leid, Chris, du willst bestimmt irgendwohin, aber kannst du kurz mitkommen und mir aufschließen? Deine Mutter wollte mir ein Buch herauslegen, dass ich für die Überprüfung einer griechischen Übersetzung benötige, was der Übersetzer da geschrieben hat, kann nicht stimmen. Weiß du zufällig, wo sie es hingepackt hat? Morgen, allerspätestens übermorgen bräuchte ich es unbedingt.“ Wusste Chris nicht. Bei ihnen zu Hause waren viele Bücher, da seine Mutter für ihre Arbeit auch eine ganze Anzahl benötigte, und da sie fast dauernd hin und her geräumt wurden und keinen festen Platz zu haben schienen, merkte Chris sich bloß, wo jeweils die Bücher waren, die für ihn interessant oder wichtig waren. So kehrte Chris um und begleitete Melanie zu seinem Zuhause. Emma und Louis waren nicht mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatten sie sich mal wieder ausgezogen und lagen bereits in der Waagerechten ...
Chris hoffte, dass es nicht zu lange dauern würde, denn die Haustür konnte nicht zugezogen, sondern musste regelrecht abgeschlossen werden. Und Chris brauchte den Schlüssel selbst, sonst hätte er ihn Melly überlassen und wäre zu Ramon abgerauscht. Und da seine Mutter das Handy abgeschaltet hatte oder in einem großen Funkloch steckte, mussten sie so auf die Suche nach dem Buch gehen.
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