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Chapter 7 by Mariania Mariania

What's next?

Der, Die Tramper/in

Das Brummen des Motors ist ein gleichmäßiger Hintergrund für die Stille zwischen uns. Die Fahrerkabine ist erfüllt vom Geruch abgenutzten Leders und dem schwachen Aroma des an der Rückseite des Rückspiegels baumelnden Lufterfrischers aus Kiefernholz. Ich sitze da, meine dünnen Beine leicht angezogen auf dem Sitz, und jedes Mal, wenn der Lastwagen über eine Bodenwelle fährt, knistert der Stoff meiner Jeans gegen die Polsterung.

„Ich dachte, du bist ein Mädchen“, sagt der Fahrer, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Seine Stimme ist rau, aber nicht unfreundlich, und bringt einen Hauch von Wärme in die Kälte des Führerhauses. Ich drehe den Kopf, sodass die Enden meines Zopfs meine Wange berühren. „Warum?“, frage ich, neugierig und ein wenig unsicher.

„Deine schlanke Figur, die Rundungen, die schönen Beine, die Taille, die enge Jeans und keine erkennbare Beule im Schritt. Dein Haar war eben noch offen“, deutet der Fahrer mit einem Nicken in Richtung Rückspiegel, in dem ich mein Spiegelbild sehe. „Und jetzt ist deine Stimme etwas zu tief für ein Mädchen und du hast dein Haar zu einem Zopf gebunden. Das lässt dich wieder jungenhafter aussehen. Und mich erkennen, dass ich kein Mädchen mitgenommen habe.“

„Das mache ich absichtlich“, gebe ich zu, meine Stimme klingt sanft, vielleicht ein wenig **** – eine Wahrheit, die ich in den letzten Wochen mehr und mehr zugelassen habe.

„Junge Männer allein werden nicht gerne mitgenommen“, fährt der Fahrer fort und wirft mir einen Seitenblick zu. „Die Leute haben Angst, überfallen zu werden.“

„Das habe ich mir schon gedacht“, erwidere ich und erinnere mich an die Worte eines freundlichen Samariters, der mich auf der Straße angesprochen hat. „Und deshalb hast du deine langen Haare aufgemacht, um den Leuten die Illusion zu vermitteln, du wärst ein Mädchen, stimmt's?“ Ich nicke schüchtern, spüre, wie ich leicht erröte und mich ertappt fühle. Ganz klar ist mir das alles selbst nicht. Ich traue mich einfach noch nicht, in meiner neuen Aufmachung auf die Reise zu gehen.

„Nimm doch den Haargummi wieder heraus und lass dein Haar offen“, schlägt der Fahrer vor, während ein Lächeln um seine Lippen spielt. „Immerhin nehme ich dich mit. Auch als Junge. Aber dafür kannst du ruhig die Illusion noch ein bisschen aufrechterhalten.“

Ich zögere, aber dann, als würde ich dieser gemeinsamen Reise ein kleines Zugeständnis machen, greife ich spontan nach oben und ziehe das Haargummi aus meinem Haar. Meine Finger kämmen durch die leichten Wellen und lassen sie weich über meine Schultern fallen. Schließlich hole ich aus meinem Rucksack die Haarbürste heraus und bürste die Haare richtig durch. Ich merke, wie der LKW-Fahrer mich dabei interessiert beobachtet, und ich genieße das Ritual, während kurze Zeit später meine langen Haare in weichen Wellen über meine Schulter fallen.

„Besser?“, erkundige ich mich mit einem Hauch von Verspieltheit in der Stimme.

„Viel besser.“ Die Zustimmung des Fahrers ist offensichtlich. „Du bist hübsch, eigentlich wie ein richtiges Mädchen, besonders mit den offenen Haaren. Nur deine Stimme ist ein bisschen tief und vielleicht solltest du dich ein wenig schminken.“

Ich drehe mich zu dem Mann hin, mein Auftreten ist sanft, aber bestimmt. „Ich bin ein Mann, habe nur lange Haare, das ist alles.“ Aber den Worten fehlt der Biss; sie schweben zwischen uns, leicht wie Luft.

„Nein, nicht wirklich, oder? Du hast etwas eindeutig Mädchenhaftes an dir, wie alt bist du?“, beharrt der Fahrer, unbeeindruckt.

„20“, antworte ich.

Ich schweige und denke über die Bemerkung nach. Das Gespräch verstummt und es kehrt eine angenehme Ruhe ein, die nur durch das Rauschen der Straße unterbrochen wird.

„In einem Kleid würdest du wahrscheinlich richtig süß aussehen“, sagt der Fahrer nach einer Pause, und seine Worte hängen wie Nebel in der Luft. „Du hast wirklich schöne Beine und die kämen sicher in einem kurzen Kleid und hohen Absätzen großartig rüber. Aber wieso hast du keine Beule im Schritt? Was bist du wirklich?“

Mein Blick schweift aus dem Fenster und ich beobachte, wie die Welt verschwommen an mir vorbeizieht. In der Spiegelung sehe ich nicht nur Julius oder Jules, sondern eine Mischung, eine Person, die sich zwischen zwei Welten bewegt und lernt, sich in dem Raum dazwischen zurechtzufinden. Der Mann hat Recht. Was bin ich eigentlich?. Ich beginne nachzudenken.

Nach der Amputation meiner Hoden und der Krebsdiagnose habe ich mich auf die Reise begeben. Ich habe vor, zwei oder drei Monate durch Italien zu trampen, um herauszufinden, wie es für mich jetzt weitergehen soll. Dabei wage ich es nicht, richtig feminin aufzutreten. Aber eindeutig maskulin aufzutreten, geht irgendwie auch nicht mehr. Und wegen meiner Unsicherheit ist es dann etwas dazwischen geworden. Aber meine äußere Uneindeutigkeit fällt scheinbar auf. Nicht nur dem LKW-Fahrer. Auch vorher hatte es die eine oder andere Irritation gegeben.

Wieder im LKW

„Warum sollte ich eigentlich ein Kleid anziehen?“, frage ich, nachdem ich ein wenig vor mich hingeträumt habe. Das Gespräch war ins Stocken geraten, der Fahrer schweigt, doch seine Augen ruhen immer öfter auf mir – eine Mischung aus Neugier und etwas anderem, das ich nicht benennen kann.
„Um mir eine Freude zu machen“, antwortet er schließlich, mit einer Ernsthaftigkeit, die fast kindlich wirkt. „Du hast dir doch auch die Haare geöffnet, um mädchenhaft zu erscheinen, damit ich dich mitnehme, oder? Da kannst du doch bestimmt noch einen Schritt weiter gehen.“

Ein Kichern entweicht mir – leise, überraschend. Selbst für mich. „Sah es so aus, als hätte ich meine Haare für dich aufgemacht?“ necke ich ihn, und ein echtes, kleines Lächeln spielt um meine Lippen. Es stimmt ja. Ich habe mich etwas zurechtgemacht. Vielleicht für ihn. Vielleicht auch einfach, weil ich es selbst gebraucht habe.
„Und du meinst, ich sollte jetzt ein Kleid für dich anziehen?“ Ich ziehe eine Braue hoch, halb spöttisch, halb nachdenklich.
„Ja, genau“, sagt er. „Wenn du das für mich tust, fahre ich dich, wohin du willst. “Seine Stimme klingt fast zärtlich – nicht lüstern, sondern hoffnungsvoll, als wäre dieser eine Moment mehr als nur eine Laune.

„Ich wünschte, du würdest mich einfach so nach Italien bringen“, murmele ich und blicke wieder aus dem Fenster. Mein Spiegelbild, verschwommen im dunklen Glas, ist ein Zwitter aus Vergangenheit und Sehnsucht. Julius und Jules. Und irgendwo dazwischen eine Julia, die vielleicht bald entstehen darf.
Die Stille kehrt zurück. Sie fühlt sich schwer an, fast greifbar. Nur der monotone Rhythmus der Reifen auf dem Asphalt füllt den Raum, die Nacht draußen liegt über allem wie ein Tuch.
Nach einer halben Stunde durchbricht der Fahrer sie erneut. „Denk noch mal darüber nach. Tu es für mich und ich bringe dich überall hin.“

Ich atme tief ein. Der Geruch von Leder und Motoröl hängt in der Luft. Es ist dieser typische Geruch männlicher Räume, der gleichzeitig fremd und vertraut ist. „Wohin ich will, hm?“ sage ich leise, mehr zu mir selbst als zu ihm. Es klingt lächerlich. Es ist absurd. Und doch spüre ich etwas – eine Art Macht. Eine Möglichkeit, zu wählen. Und sei es nur, um „nein“ zu sagen.
„Vielleicht“ flüstere ich. Das Wort bleibt zwischen uns stehen, wie ein zartes Versprechen oder eine trügerische Illusion. „Selbst wenn ich es täte“, sage ich schließlich, „müsste ich gestehen, dass ich gar kein Kleid besitze.“
Die Worte sind leise, aber sie tragen Gewicht. Vielleicht mehr, als ich beabsichtige. Ich hoffe, damit ist es erledigt. Ich will nicht weiter über das Kleid sprechen. Über das, was danach käme.

Aber er lässt nicht los. „Wir könnten dir eins kaufen“, sagt er. Seine Stimme ist fest, sein Blick unerschütterlich.
Ich halte inne. Meine Augen verengen sich leicht. Ich suche nach Spott oder Spiel, finde aber nichts davon. „Das meinst du wirklich ernst, oder?“ frage ich. Er nickt nur.
„Angenommen, ich ziehe es an … willst du mich dann anfassen?“ frage ich. Meine Stimme ist ruhig, kontrolliert. Aber in mir tobt es. Es ist eine Prüfung. Ich will wissen, mit wem ich hier spreche.
„Ja, das würde ich gerne“, sagt er, beinahe beiläufig.
"Warum?“ flüstere ich.

Weil ich dich süß finde. Du hast etwas unglaublich Mädchenhaftes an dir. Weißt du das?“ Seine Stimme ist weich, fast liebevoll. „Wenn wir dein Outfit ein bisschen pflegen, vielleicht ein enges T-Shirt, schöne Locken und Make-up, dann brauchst du gar kein Kleid. Du würdest auch so wie ein Mädchen aussehen.“
Seine Worte schneiden tiefer, als sie sollten. Ich spüre, wie mein Körper sich anspannt, meine Gedanken sich überschlagen. Angst. Trotz. Und irgendwo zwischen beidem – eine Art erschrockene Klarheit.
Ein Kleid. Und ein Mann, der mich dafür anfassen will.

Ich starre aus dem Fenster, sehe die nächtliche Weite, die Raststätte in der Ferne, das Neonlicht im Nichts. Ich atme tief durch. Die Luft schmeckt nach Auspuff, nach Nacht, nach Freiheit.
„Ich glaube, ich steige besser aus“, sage ich, leise, aber entschieden.
„Schade“, sagt er.

Ich packe meine Sachen zusammen, langsam, beinahe rituell. In meinen Bewegungen liegt eine Ruhe, die ich nicht wirklich fühle. An der Raststätte steige ich aus. Der Boden unter meinen Schuhen ist kalt und fest. Ich blicke nicht zurück.
Er beobachtet mich, das spüre ich. Doch ich gehe weiter, ohne mich umzudrehen

Ich stehe nun wieder am Rand der Straße, zwischen Fremden, zwischen Möglichkeiten. Ich bin eine Gestalt im Zwielicht, aufrecht, schlank, ein wenig verloren – und doch entschlossen. Mein Blick tastet den Horizont ab. Ich warte auf eine Fahrt, die nicht auf meinen Körper zielt, sondern auf meine Richtung. Auf eine Reise, die mich nicht durch Verlangen definiert, sondern durch das, was ich sein will.
Ich warte auf jemanden, der mich mitnimmt – nicht, weil ich attraktiv aussehe, sondern weil ich einen Ort finden will, an dem ich ganz bin.

Ich stehe schon seit gefühlten Ewigkeiten da, während die Sonne langsam über den Himmel wandert, als wolle sie mich mit ihrer Gleichgültigkeit verspotten. Zwei Stunden, um genau zu sein. Autos rauschen vorbei, ohne dass mich auch nur ein Fahrer beachtet. Mit einem Seufzer, der meine blonden Wellen zerzaust, greife ich nach oben und ziehe den Haargummi heraus. Meine Locken fallen mir in einer weichen, goldenen Kaskade über die Schultern. Ich fahre mir mit den Fingern durch die Strähnen, entwirre die Knoten meiner Frustration und lasse die Brise mit den Spitzen spielen.

"Komm schon, Jules, trau dich", flüstere ich mir zu und zwinge mir ein Lächeln ab – dieses Lächeln, das früher Julius gehörte, jetzt aber ganz mir. Ein wunderschönes, entwaffnendes Lächeln.
Wie auf Kommando verlangsamt ein Auto sein Tempo. Mein Herz macht einen Sprung. Der Fahrer mustert mich, ein Funken Interesse in seinen Augen – bis er meine Stimme hört. Ein Junge. Das Auto beschleunigt abrupt und verschwindet in einer Staubwolke. "Verdammt", murmele ich und schüttle den Kopf über die Gleichgültigkeit dieser Straße.

"Komm schon, Jules, trau dich richtig", ermutige ich mich selbst und achte auf die Stimme. Dann schultere ich meinen Rucksack und marschiere entschlossen zur Raststätte. Fast wie von selbst betrete ich die Damentoilette und betrachte mich im Spiegel. Meine leicht femininen Züge sind noch immer sehr subtil – die vier, fünf Pillen, die ich in den letzten Tagen genommen habe, haben wohl noch nicht genug bewirkt, obwohl meine kleinen Brüste spannen wie verrückt. Ich greife nach der Dose in meinem Rucksack, schüttle eine weitere Tablette heraus und schlucke sie runter. Egal, dass ich heute Morgen schon eine genommen habe.

Dann hole ich das enge Mädchen T-Shirt hervor, ziehe das weite Herrenshirt über den Kopf und schlüpfe atemlos in das Neue. Der Unterschied ist sofort sichtbar. Meine Kurven kommen wieder zur Geltung – zusammen mit der Jeans ergibt sich endlich ein stimmiges Bild. Ich nehme die Bürste und kämmte mir die blonden Locken. Plötzlich fühle ich mich leicht, fast beschwingt von dieser Entscheidung.

Ein letzter Blick in den Spiegel, dann packe ich meinen Rucksack und gehe zurück zur Tramperstelle. Optimistisch halte ich den Daumen hoch. Mal sehen, was jetzt passiert.
Minuten vergehen, bis ein vertrautes Rumpeln näherkommt – der Truck, der irgendwie zu meinem Peiniger und Retter zugleich geworden ist. Er hält neben mir, der Fahrer beugt sich mit einem Grinsen heraus, das Stahl zum Schmelzen bringen könnte. "Hey, Süße, hast du's dir anders überlegt?", sagt er, seine Stimme trieft vor Honig, aber ich schmecke die Falschheit darin. "Mit der Aufmachung siehst du echt hübsch aus."

Ich seufze. Der Widerstand in mir bröckelt. "Na gut", gebe ich nach und klettere zurück auf den Beifahrersitz. Der Motor springt an, der Fahrer wirft mir einen schelmischen Blick zu. "Die Währung ist immer noch die gleiche", erinnert er mich. Ich atme tief durch. "Okay."
Nach ein paar Meilen durchbricht meine Stimme das Motorengeräusch: "Wegen des Kleides... wo willst du das überhaupt herbekommen?"

Ich werfe ihm einen skeptischen Blick zu. Mir schießen Bilder von Einkaufszentren durch den Kopf – diese Konsumtempel mit ihren endlosen Parkplätzen, die wie Oasen an der Autobahn liegen. Der Gedanke, durch Stoffberge zu wühlen, nur um etwas zu finden, das ihm gefällt, ekelt mich an.

Aber die Alternative? Die gnadenlose Hitze, der endlose Asphalt, diese verdammte Straße, die mich verschlucken will. Ich habe keine Lust, das alles durchzumachen", denke ich, mit einer Mischung aus Trotz und Resignation.

"Ach, komm schon, das dauert nicht lang. Ich bin doch ein netter Kerl", kichert er – ein Geräusch wie rollender Kies. Ich beiße mich auf die Lippe. "Na gut. Aber du bezahlst." Irgendwo in mir flackert ein Funke meines alten Ichs auf.
"Kein Problem", sagt er und nickt zufrieden. "Ich heiße übrigens Erwin."
Ich lasse mich zurück in den Sitz sinken. "Jules", antworte ich – und diesmal ist mein Lächeln echt.

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