Wie geht es Jessie und Alex?
Den Umständen entsprechend gut
Als Steffen schließlich ankam, sah er recht schnell, was Sache war: Roadie und Syren lagen beide hinter dem Lieferwagen auf dem Boden und bewegten sich wie in epileptischen Zuckungen. Eilig trat er zu ihnen. "Was hast du mit ihnen gemacht?" rief er Mastermind zu.
An dessen Stelle antwortete allerdings Teaser: "Kleine Behandlung mit Reizstrom. Sollten in ein paar Minuten wieder in Ordnung sein, hatten ja beide keinen Herzschrittmacher oder so was-" Er hustete lautstark. "So, aber jetzt alle anschnallen, und mach die Tür zu, Abyss!"
"Bin ja schon-" Mehr hörte er nicht mehr, denn dann hatte Dao - nein, Abyss - der Anweisung auch Folge geleistet, und der Transporter startete. Während er abfuhr fühlte Steffen den Puls seiner beiden Mitstreiter und konnte zu seiner Erleichterung feststellen, dass der inzwischen tatsächlich wieder normal wurde. Wenige Sekunden später begann Syren sich stöhnend zu regen.
"Alles okay?"
Syren nickte und hustete lautstark. "Geht wieder", gab sie rau von sich. "Scheiß-Staub - hab vor lauter Husten nicht mehr singen können, und dann hat mich dieser Arsch mit einem Elektroschocker oder so was erwischt. War fast sofort weg-" Sie sah zu Roadie. "Fuck - ist er-"
In diesem Moment atmete Roadie keuchend ein, und auch er wurde danach von einem Hustenanfall durchgeschüttelt. "Dreck", fluchte er, "ich hatte diesen Fettsack schon im Schwitzkasten, aber dann hat er irgendwas gemacht-"
"Ja, du hast ein bisschen was abbekommen", nickte Steffen. "Wenn du laufen kannst, mach dich ab ins Auto. Wir müssen hier weg, ehe jemand auf das Chaos reagieren kann. Aber ich schlage vor, ich fahre!"
Alex und Jessie waren beide gut genug beisammen, um alleine einzusteigen, und dank Steffen waren sie auch weg vom Ort des Geschehens, ehe sie noch mehr Probleme bekamen. Zwar husteten alle drei noch eine ganze Weile grauen Schleim aus, aber offenbar hatten sie keine bleibenden Schäden erlitten.
"Schöne Kacke", brummte Alex unzufrieden, während sie über die Autobahn Richtung Süden fuhren. "Dass die gleich das ganze Haus plattmachen, damit hätte wohl niemand rechnen können."
"Vielleicht hätten wir damit rechnen müssen", gab Jessie zurück, "nach dem, was sie bei uns abgezogen haben. Atlas kann ja ein Lied davon singen - die kennen echt kein Erbarmen."
Vom Fahrersitz her nickte Steffen ihr zu. "Hast vollkommen recht, wir hätten vorsichtiger sein müssen. Und das nächste Mal werden wir das auch. Vor allem, weil wir jetzt zwei Dinge über Ikarus' Gruppe wissen, die wir vorher noch nicht wussten."
Alex sah fragend auf. "Zwei Dinge?"
"Erstens, wir haben einen Blick darauf werfen können, wie sie arbeiten. Mit Abyss haben sie jemanden, der extrem viel Zerstörung anrichten kann, und dieser Teaser ist wohl im Zweikampf nicht zu unterschätzen, so schnell wie er euch beide außer Gefecht hatte."
"Das nächste Mal geh ich groß rein", gab Alex finster zurück. "Mal sehen, wie viel der wirklich im Vergleich zu mir draufhat, wenn ich ein bisschen aufgepowert bin."
Jessie nickte. "Auf jeden Fall ist er ein absolutes Primärziel für mich, direkt nach Mastermind. Nochmal gegrillt will ich nicht werden."
Steffen beobachtete sie im Rückspiegel. "Und das zweite, was wir jetzt über Ikarus und seine Bande wissen, interessiert euch gar nicht?"
"Das zweite?"
"Wir wissen in ein paar Stunden, wo sie ihren Unterschlupf haben." Er grinste. "Unter ihrer Karre hängt jetzt nämlich ein Peilsender."
Ganz so einfach war es dann aber doch nicht: Als sie einige Stunden später dazu kamen, die Daten des Peilsenders auszuwerten, führte sie dieser nur zu einem Waldweg, etwa eine Autostunde von dem Ort entfernt, an dem sich bis vorhin noch das Gebäude von Kabe Cybertronics befunden hatte. Zwar konnten sie im Moment nur mutmaßen, was dort geschehen war, aber Tom und Steffen waren sich einig, dass sie wahrscheinlich den Wagen gewechselt hatten - sie selbst hätten das wohl genauso gemacht. Mit einer von Pandoras Drohnen konnten sie später bestätigen, dass der Transporter dort wirklich verlassen im Wald stand, weitere Reifenspuren fanden sich aber nicht - wahrscheinlich waren sie zu Fuß zu ihrem anderen Fahrzeug gelaufen, und um Fußspuren durch den Wald zu verfolgen, dafür war die Drohne nicht gut geeignet.
Auf den ersten Blick waren sie damit nicht wirklich klüger als zuvor. Aber schon ein paar Stunden später zeigte sich, dass sie doch eine wertvolle Information erhalten hatten, und zwar als Pandora die anderen zufrieden lächelnd in den Konferenzraum rief. "Ich hab's raus", verkündete sie. "Ich weiß jetzt, wo Ikarus und seine Leute sich aufhalten."
"Und wo?" Alex sah sie an. "Spann uns nicht auf die Folter."
"Campingplätze", strahlte Pandora. "Ne halbe Stunde von dem Waldweg entfernt ist einer, und der Internetknoten dort war in den letzten Tagen ständig überlastet. Und das um diese Jahreszeit, wo bestimmt nicht viele Leute Camping machen. Ich vermute mal, Ikarus ist mit einem Wohnmobil unterwegs, oder wohl eher mit mehreren Wohnmobilen."
Steffen überlegte. "Das macht's aber nicht leichter, ihn zu stellen, wenn er keinen festen Standort hat."
Aber Alex schüttelte den Kopf. "Im Gegenteil, das dürfte es deutlich leichter machen, ihn aufzuspüren. Ich war ein paar Jahre lang auf der Straße unterwegs, und du kannst ein Wohnmobil nicht einfach an jedem beliebigen Ort länger abstellen, ohne dass jemand sich darüber beschwert. Und auffallen will auch Ikarus bestimmt nicht, genau wie wir. Das verkleinert deutlich die möglichen Plätze, wo er stecken kann."
"Also, wenn das so ist..." Pandora nickte ihm zu. "Dann kann ich mich mal umschauen, ob wir das wirklich gut eingrenzen können. Er wird zwar nicht so blöd sein, an einen Ort mit Kameraüberwachung zu gehen, aber vielleicht krieg ich ja Luftbilder. Ich setz mich gleich mal ran."
"Ehe du das tust", meldete sich Sandy zu Wort, "brauch ich dich aber noch kurz. Ich hab da nämlich so ne komische Nachricht in meinem Chat bekommen, und ich wollte mal wissen, ob ich mir Sorgen machen muss."
Pandora hob eine Augenbraue. "Chat? Was denn für ein Chat?"
Sandy hob ihr Handy. "EroTalk, die Chatapp, die ich benutze. Da hat mich eine-"
"Du chattest mit anderen Leuten?" unterbrach Pandora sie alarmiert. "Über eine Handyapp? Ohne mir was davon zu sagen?!"
"Hey, ich benutz natürlich den Proxy, den du für uns eingerichtet hast", beruhigte sie Sandy. "Ich bin doch nicht doof!"
Pandora war inzwischen bei ihr und nahm ihr das Handy aus der Hand. "Da sollten Chatapps aber nicht drüber laufen. Zeig mal, was das- Hm. Server auf den Virgin Islands. Okay, das könnte eine halbwegs sichere Verbindung sein, vor allem, wenn mein Proxy sie durchlässt. Na gut." Sie reichte Sandy das Gerät zurück. "Worum geht's jetzt konkret?"
Sandy scrollte durch einen ihrer Chats. "Das hier. Ich mach seit ein paar Wochen ein bisschen Dirty Talk mit dieser Frau - AlchemistProdigy. Hat eine herrlich versaute Fantasie, aber wir plaudern auch ab und zu über unser Real Life."
"Du bist hoffentlich nicht so blöd, irgendwas darüber zu verraten, was wir hier wirklich machen", grollte Pandora.
"Quatsch!" Sandy schüttelte empört den Kopf. "Ich weiß doch, dass wir uns bedeckt halten müssen... Na ja, zumindest hab ich ihr nichts Wichtiges verraten."
Pandoras Blick verfinsterte sich. "Was hast du ihr verraten?"
Sandy zog leicht den Kopf ein. "Ich hab vielleicht angedeutet, dass einer meiner Freunde gerade gesundheitlich nicht so toll drauf ist, weil ihm bei einem Fick die andere Frau quasi seine ganze Kraft ausgesaugt hat."
"Du hast etwas von mir erzählt?" Tom fiel fast die Kinnlade runter. "Spinnst du?"
"Ich hab's so abgedreht erzählt, dass ich dachte, AlchemistProdigy hält es für einen Witz, oder vielleicht für ne reine Übertreibung meinerseits!" Sandy sah schuldbewusst zu ihm. "Aber so hat sie es nicht verstanden. Sie hat anders reagiert."
Pandora atmete einmal tief durch. "Wie genau hat sie reagiert."
Sandy scrollte den Chat weiter herunter. "Hier, schau: 'Hatte dein Freund etwa Probleme mit einer Zarathustra?' hat sie gefragt."
"Ja, ich sehe es. Und-" Pandoras Lippen wurden schmal. "Ja, ich sehe, warum du denkst, dass du dir Sorgen machen musst."
"Warum?" Tom war aufgestanden und lief zu den beiden. "Was schreibt sie denn noch?"
Pandora sah zu ihm. "Sie schreibt: 'Vielleicht kann ich deinem Freund ja helfen. Wo finde ich ihn denn?'"
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