Wie jetzt?
Alles Lüge
Tom war sofort wieder im vollprofessionellen Modus. "Haben wir nicht", sagte er ernst. "Den Toten haben die selbst auf dem Gewissen."
"Im Fernsehen sagen sie was anderes", gab Steffen scharf zurück. "Zarathustra-Terroristen haben die Wachmannschaft angegriffen und einen der Soldaten vor Ort mit seinem eigenen Gewehr niedergeschossen. Der Mann ist gestorben, ehe Hilfe eintreffen konnte, auch weil die Terroristen den Notruf blockiert hatten."
"Das ist einfach nur gelogen", erklärte Tom kalt. "Einer von den Soldaten hat auf seinen eigenen Mann geschossen, weil er ihm die Schusslinie auf Syren blockiert hat. Gezielter Tötungsschuss in den Hals, soweit ich das mitbekommen habe. Propaganda, nichts weiter."
Steffens Blick wanderte zu Jessie. "Der stand also zwischen dem Schützen und dir, Syren? Einfach so, zufällig?"
Jessie sah verärgert zurück. "Natürlich nicht zufällig. Ich hab ne Gruppe Soldaten vor mir aufmarschieren lassen, als zusätzliche Sicherheit."
"Also als lebende Schutzschilde?" Steffen hob eine Augenbraue. "Syren, was hatten wir zum Thema 'lebende Schutzschilde' gesagt?"
"Oh Gott." Jessie rollte mit den Augen. "Du meinst, vor einer Ewigkeit? Bei deiner 'was kann alles theoretisch schieflaufen'-Präsentation?"
Unbeeindruckt verharrte Steffens Blick auf ihr. "Du erinnerst dich also noch. Gut. Weniger gut ist, dass du es ignoriert hast. Jetzt siehst du, was wir davon haben."
Mühsam beherrscht atmete Jessie einmal tief durch. "Ich wollte Druck von Roadie und Titania nehmen", sagte sie. "Titania hatte bereits ne ganze Salve in den Bauch abbekommen, weil ich nicht schnell genug war. Darum-"
"Es war aber nicht dein Job, die beiden zu beschützen", unterbrach Steffen sie. "Es war ihr Job, Kugeln für dich zu fangen. Und wenn wirklich einer der beiden zu Boden gegangen wäre, gab es dann noch Shorty, um sie abzuschirmen, bis sie sich wieder geheilt hatten. Verdammt, Syren, wir hatten einen Plan! Das wäre für uns eine richtig gute Aktion gewesen, um Sympathie in der Bevölkerung zu kriegen! Aber wegen deiner Eigenmächtigkeit stehen wir jetzt da wie ein Haufen-"
"Das war nicht das Ziel", schnitt ihm Tom das Wort ab.
Steffens Blick wanderte langsam zu ihm. "Wie bitte?"
Tom nickte ihm ruhig zu. "Es war nicht unser Ziel, mit der Aktion Sympathiepunkte einzufahren. Unser Ziel war es, BMs Probleme aus dem Weg zu räumen. Das haben wir geschafft, dank Pandora und dir. Der Rest war nur eine Ablenkung dafür. Das hast du hoffentlich nicht vergessen, bei deiner Standpauke eben."
"Wir hätten aber beides erreichen können", gab Steffen zurück. "Syren hat es versaut."
"Ich hab's versaut", sagte Tom, immer noch die Ruhe selbst. "Ich hab den Scharfschützen übersehen. Wenn du wem den Kopf waschen willst, dann mir. Syren hat an ihre Teamkameraden gedacht. Dafür verdient niemand einen Einlauf, Eidolon. Und wenn du anderer Meinung bist, reden wir gerne über vier Augen darüber."
Steffen sah ihn lange schweigend an. Dann blickte er wieder zu Jessie. "Unter sechs Augen", sagte er schließlich, etwas sanfter als zuvor. "Atlas und du kommen gleich zu mir ins Auto, Pandora wechselt zu Roadies Team. Und jetzt fahren wir heim. Die anderen sollten auch mal die guten Nachrichten erfahren."
Die Rückfahrt verlief ähnlich ereignislos wie die Hinfahrt, wenn auch deutlich schweigsamer und bedrückter, vor allem weil sie sich etwas Sorgen um Jessie machten. Pandora hatte zwar versucht, sie ein wenig aufzumuntern und ihnen erklärt, dass Steffen es nicht persönlich gemeint hatte, aber die Stimmung war trotzdem im Keller.
Etwa auf halbem Weg versuchte Malia, alle ein bisschen auf andere Gedanken zu bringen. "Sag mal, Pandora..."
"Mh?"
"Du und Atlas - habt ihr irgendwie früher mal was Festes miteinander gehabt?"
Pandora sah sie von der Seite an. "Wie kommst du darauf?"
Malia zuckte mit den Schultern. "Na ja, ihr wirkt so... eingespielt zusammen. Kam mir irgendwie so vor, als hättet ihr ne Art Routine miteinander."
"Ah, das meinst du." Pandora musste grinsen. "Nee, das hat einfach nur damit zu tun, dass ich ein bisschen brauche, ehe ich sein Rohr richtig in mich reinkriege. Nicht jede Frau kann ihn wie du aus dem Stand einfach so wegreiten. Und das... andere, das du gemacht hast, fand ich auch ziemlich beeindruckend. Wie dehnbar bist du eigentlich?"
"Ziemlich", grinste nun auch Malia. "Bisher hab ich noch alles reingekriegt, das ich drin haben wollte. Der Trick, den du draufhast, ist aber auch nicht übel. Hast bestimmt keine Probleme damit, nach dem ersten Mal noch ein zweites Date zu kriegen, oder?"
Ein breites Lächeln war alles, was Pandora dazu von sich gab, und nachdem die Unterhaltung damit an ihrem Ende zu sein schien, ergriff Alex noch einmal das Wort. "Was hast du eigentlich für Kräfte?" wollte er wissen.
Pandora sah zu ihm. "Wenn du willst", sagte sie, "zeige ich sie dir, wenn wir zuhause sind. Könnte dich aber ein bisschen verstören."
"Verstören?" Alex sah sie im Rückspiegel fragend an. "Wieso das?"
"Weil sie ziemlich heftig sind." Pandora lächelte. "Aber so ein großer Kerl wie du hat doch sicherlich keine Angst davor, oder?"
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