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Sie gibt sich einen Ruck

Chapter 2 by Meister U Meister U

Sie trat über die Schwelle, und in dem Moment, als ihr Fuß den kalten Flurboden berührte, wusste sie, dass es keine Rückkehr gab. Elvira war schon voraus, ihre Schritte schnell und entschlossen, aber Sabine blieb einen Herzschlag lang stehen. Die Tür zum Mädchenzimmer fiel hinter ihr ins Schloss – ein leises, endgültiges Klicken, das sich anhörte wie das Zuklappen einer Tür zu ihrem alten Ich.

Sie atmete flach. Die Angst saß ihr in der Kehle wie ein Kloß aus Eis, aber gleichzeitig – und das verwirrte sie mehr als alles andere – da war dieses Kribbeln tief in ihrem Bauch, das sich nicht wegdrücken ließ. Es fühlte sich an, als hätte jemand eine heiße Feder in ihren Magen gelegt, die langsam zu glühen begann. Ihre Hände zitterten, aber ihre Beine trugen sie weiter, Schritt für Schritt, den Flur entlang, auf die Musik zu, die immer lauter wurde.

Was tue ich da?, fragte sie sich, und die Stimme in ihrem Kopf klang fremd, fast entrückt. Ich gehe zu ihnen. Ich ziehe mich aus. Ich lasse sie entscheiden, wer mich nimmt. Der Gedanke schnürte ihr die Brust zu, und doch spürte sie gleichzeitig, wie etwas in ihr sich löste – eine Spannung, die sie seit Stunden, vielleicht seit Tagen mit sich herumgetragen hatte. Es war die Erleichterung, die ein Mensch empfindet, wenn er die Kontrolle abgibt, wenn er aufhört, zu kämpfen, und sich einfach treiben lässt.

Sie dachte an die Gesichter der Jungs. An Max, an Daniel, an die anderen, deren Namen sie schon so lange kannte. In ihrer Vorstellung sahen sie alle gleich aus – grinsend, fordernd, mit Augen, die sie bereits jetzt schon auszogen. Und sie wusste: Sobald sie den Raum betrat, würde sie nicht mehr Sabine sein, die 18-jährige Schülerin mit den blauen Flanell-Pyjamas und den unsicheren Träumen. Sie würde ein Körper sein, ein Objekt, das begutachtet und gewählt oder übergangen wurde. Die Entscheidung lag nicht mehr bei ihr. Das war das Beängstigendste und gleichzeitig das Seltsamste: Es war auch befreiend.

Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihres Schlafanzugs, als wollten sie ihn festhalten, aber ein anderer Teil von ihr – der heiße, kribbelnde Teil – sehnte sich danach, ihn fallen zu lassen. Sie stellte sich vor, wie die Jungs sie ansahen, wie einer von ihnen den Arm hob und sagte: "Ich nehme die." Und dann würde sie nichts mehr tun müssen. Keine Entscheidungen mehr treffen, keine Abwägungen, kein "Will ich das wirklich?" – nur noch sein, geschehen lassen, sich hingeben. Es war wie ein Rausch, der die Angst überlagerte, aber die Angst war trotzdem da, ein ständiger Begleiter, der ihr ins Ohr flüsterte: Was, wenn keiner dich will? Was, wenn du dann da stehst, nackt, und alle schweigen?

Sie blieb vor der Tür zum Jungszimmer stehen. Durch das Holz hörte sie Gelächter, ein Glas, das klirrte, und die dumpfen Bässe eines Songs, den sie nicht kannte. Elvira war schon drinnen – sie hörte ihre Stimme, forsch und selbstbewusst. Sabine hob die Hand, ließ sie wieder sinken. Ihr Herz raste so heftig, dass sie dachte, es würde gegen ihre Rippen schlagen.

Das Kribbeln in ihrem Bauch wurde stärker. Es war nicht mehr nur Aufregung – es war eine Art von Schwindel, der sie erfasste, als sie begriff, dass sie in wenigen Sekunden nicht mehr Sabine sein würde, die über ihr Leben entschied, sondern Sabine, die sich den Blicken anderer überließ. Die Initiative würde von ihr abfallen wie ein schwerer Mantel. Sie würde einfach dastehen, nackt, und warten, bis einer der Jungs sie zu sich rief.

Und in diesem Warten, so fürchtete sie, lag die größte Demütigung – aber auch die größte Hoffnung. Denn wenn einer sie wählte, dann bedeutete das, dass sie begehrt wurde, dass sie es wert war, auserwählt zu werden. Sie brauchte sich nicht zu beweisen, nicht zu überzeugen, nicht zu kämpfen. Sie musste nur sein.

Ihre Hand legte sich auf die Türklinke. Das Metall war kalt, aber ihre Finger waren heiß. Sie schloss die Augen, atmete tief ein, und in ihrem Inneren kämpften zwei Stimmen: eine, die schrie Lauf weg!, und eine andere, die flüsterte Geh hinein. Es wird dich befreien.

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