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Abendessen

Chapter 16 by rallebonn

„Lass uns gehen“, sagte Johannes und deutete auf die Wohnungstür. Ich ging voraus ins Treppenhaus. Hinter mir zog er die Tür ins Schloss, dieses ruhige, fast selbstzufriedene Lächeln auf den Lippen. Dann traten wir hinaus in die kühle Abendluft. Vor dem Haus wartete ein dunkler Wagen, dessen Lack im Licht der Straßenlaternen glänzte. Johannes öffnete mir die Beifahrertür, wartete, bis ich eingestiegen war, und nahm dann auf der Fahrerseite Platz. Ohne ein weiteres Wort startete er den Motor und fuhr los.

Wir ließen die Stadt hinter uns. Die Lichter wurden weniger, die Straßen schmaler, und bald zog nur noch das Dunkel der Felder an den Fenstern vorbei. Fast eine Stunde lang sagte keiner von uns viel. Ich beobachtete Johannes von der Seite, seine Hände ruhig am Lenkrad, sein Blick konzentriert auf die Straße gerichtet. Schließlich bog er auf eine breite Auffahrt ab. In der Ferne tauchte ein Golfclub auf, sanft beleuchtet, mit einem alten Gebäude, das eher wie ein Schloss oder eine kleine Burg wirkte. Fackeln brannten am Eingang und warfen flackernde Schatten auf die Steinstufen. Johannes hielt an. Noch bevor ich selbst nach dem Türgriff greifen konnte, wurde meine Tür geöffnet. Ich stieg aus, während er den Autoschlüssel weiterreichte. Dann nahm er mich leicht am Arm, sah mich einen Moment lang ernst an und sagte leise: „Drinnen sind alles Geschäftsleute. Viele kennen mich gut. Sei einfach du selbst. Lass dich heute Abend ein wenig von mir führen.“

Gemeinsam gingen wir die Stufen hinauf zum Eingang. Schon beim Betreten des Gebäudes verschlug es mir kurz den Atem. Die Eingangshalle war prachtvoll: hohe Decken, glänzender Steinboden, schwere Kronleuchter und zwei breite Treppen, die links und rechts nach oben führten. Aus einem Raum vor uns drangen Stimmen, Gelächter und das helle Klirren von Gläsern. Johannes führte mich mit sicherem Schritt durch die Halle. Als wir den Saal betraten, blieb ich unwillkürlich stehen. Vor mir lag ein eleganter Festsaal, in warmes Licht getaucht. Alle Gäste waren festlich gekleidet, die runden Tische standen wie bei einem Bankett, und an der Stirnseite hing ein großes Transparent. Erst da begriff ich, wohin er mich gebracht hatte: Es war eine Wohltätigkeitsgala.

Johannes führte mich durch den Saal, stellte mich einer Person nach der anderen vor, und überall spürte ich diese schnellen, prüfenden Blicke. Manche lächelten höflich, andere musterten mich offen, als wollten sie in wenigen Sekunden herausfinden, wer ich war und warum ich an seiner Seite erschien. Ich fühlte mich viel zu jung zwischen all diesen Menschen, die in meinen Augen alt, reich und unangreifbar wirkten. Als wir uns schließlich an einen der runden Tische setzten, saßen dort bereits vier Paare: Geschäftsleute mit ihren Frauen, elegant, kontrolliert und mit diesem sicheren Auftreten, das keinen Zweifel zuließ. Johannes beugte sich zu mir, so nah, dass nur ich seine Worte hören konnte. „Die wissen alle, dass ich ein Zuhälter bin“, flüsterte er. „Und jetzt fragen sie sich, was du kostest.“ Mir schoss die Hitze ins Gesicht. Ich wurde knallrot, während um uns herum weiter gelacht, getrunken und so getan wurde, als sei dieser Abend vollkommen harmlos.

Während des Essens legte Johannes seine Hand unter dem Tisch auf mein Bein. Die Berührung war kaum sichtbar, aber sie ließ mich zusammenzucken. Nach außen blieb alles unverändert: das gedämpfte Licht, das leise Lachen, das Klirren der Gläser, die höflichen Gespräche. Doch unter der Oberfläche veränderte sich etwas. Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug und wie sehr ich darauf achten musste, mir nichts anmerken zu lassen. Johannes beugte sich zu mir, lächelte, als hätte er gerade nur eine harmlose Bemerkung gemacht, und flüsterte mir eine Anweisung zu. Mir wurde heiß vor Verlegenheit. Einen Moment lang zögerte ich, dann spürte ich seinen festen, mahnenden Druck an meinem Bein. Ich gehorchte, langsam und unsicher. Niemand am Tisch schien etwas zu bemerken, und gerade das machte es schlimmer. Ich saß mitten in diesem eleganten Saal, umgeben von Menschen, die lachten und plauderten, während ich immer deutlicher spürte, dass Johannes die Situation vollkommen beherrschte.

Nach dem Essen begann die Musik. Zuerst nur leise, fast beiläufig, dann füllten die ersten Takte den ganzen Saal. Paare erhoben sich, Stühle wurden zurückgeschoben, Stimmen wurden leiser, und für einen Moment wirkte alles wie ein perfekt einstudiertes Schauspiel. Johannes stand auf und reichte mir die Hand, als wäre es selbstverständlich, dass ich ihm folgte. Ich legte meine Finger in seine und ließ mich von ihm auf die Tanzfläche führen. Seine Hand lag an meinem Rücken, ruhig und bestimmt, dicht genug, dass ich seine Führung bei jeder Bewegung spürte. Ich war unsicher, achtete auf jeden Schritt und versuchte, mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Johannes hingegen bewegte sich, als gehöre der Raum ihm. Nach einigen Tänzen beugte er sich zu mir und sagte leise: „Komm. Frische Luft.“ Dann führte er mich ohne Eile, aber ohne jeden Zweifel, durch die schweren Glastüren hinaus auf die Terrasse.

Draußen war es angenehm kühl, nicht kalt. Die Luft roch nach feuchtem Gras, Stein und Nacht. Hinter uns blieb das gedämpfte Stimmengewirr der Gala zurück, nur noch abgeschwächt durch die geschlossenen Türen. Vor mir lag die Golfanlage im Dunkeln, weit und still, unterbrochen von schmalen Lichtkegeln entlang der Wege. Ich trat an das Geländer und sah hinaus, froh über diesen kurzen Abstand. Doch Johannes blieb direkt hinter mir stehen. Einen Moment sagte er nichts. Dann hörte ich seine Stimme, ruhig und deutlich, so leise, dass sie nur für mich bestimmt war: „Steh aufrecht. Beine wie geübt. Hände nach hinten.“ Mein Atem stockte. Nicht die Worte allein machten mir Angst, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der er sie sagte. Ich richtete mich langsam auf, spürte die kühle Luft auf meiner Haut und wagte nicht, mich umzudrehen. Hinter mir rauschte gedämpft die Musik weiter, als gehöre ich noch immer zu diesem glänzenden Abend. Doch hier draußen, im Schatten der Terrasse, fühlte sich alles anders an.

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