What's next?
Samira wird verarztet und erleidet einen Kulturschock
„Um Gottes Willen! Du hast dich geschnitten!“
Samira hielt ihre stark blutende Hand über den Fliesenboden, um den Bezug des antiken Schemels nicht zu beschmutzen.
„Warte hier, sonst blutest du mir alles voll. Ich hole nur schnell Verbandszeug!“
Samira ertappte sich dabei, wie sie die Hinterbacken ihrer Gastgeberin fixierte, die sich bei jedem Schritt deutlich durch den dünnen Stoff drückten. Von Zeit zu Zeit meinte sie es rötlich aufblitzen zu sehen.
„So, da bin ich wieder“, flötete Monika und ließ sich neben Samira auf den Schemel sinken.
Das Möbelstück war sehr klein und Samira rückte bis zum äußersten Rand, um Tuchfühlung mit Monika zu vermeiden. Sie wusste selbst nicht recht, weshalb sie sich so zierte. Schließlich war Monika kein Mann, sondern eine Frau wie sie selbst. Irgendetwas an ihrer spärlich gekleideten Gastgeberin machte sie auf eine Art nervös, die sie noch nie erlebt und schon gar nicht zugelassen hatte.
Mit Monika war auch ihr Geruch zurückgekehrt. Ein Hauch von Parfüm. Spuren von Pfeffer, etwas Vanille. Samira liebte es zu kochen und musste trotz ihrer Nervosität schmunzeln, als sie an ein Rezept für eine der zahlreichen syrischen Süßspeisen dachte, die sie so liebte.
„Na endlich ein Lächeln! Du bist hier in Sicherheit! Entspann dich ruhig mal ein bisschen!“
Samira fühlte sich ertappt. Fast hätte sie Monika ihre Hand, die sie eben mit Desinfektionsmittel besprühte, entzogen.
„Sag, fürchtest du dich vor mir?“
„Nein, Frau … Monika. Es ist nur …“
Monika betrachtete ihren Gast nachdenklich. Dann schien ihr ein Licht aufzugehen.
„Ach, wie gedankenlos von mir! Dich irritiert mein Aufzug, nicht wahr?“
Samira blickte sie unsicher an, wobei sie wenig erfolgreich versuchte, ihr Befremden zu verbergen.
„Es tut mir leid, aber als mein Mann angerufen hat, war ich gerade … also ähm … sagen wir so: ich war beschäftigt.“
Samira blickte sie fragend an.
„Also, wie soll ich sagen, ich hatte Besuch. Der Anruf hat uns unterbrochen. Ich hatte nicht mehr genug Zeit zum Umziehen.“
Samira wäre beinahe vom Hocker gefallen.
„Oh Gott! Jetzt habe ich's für dich nicht gerade leichter gemacht, mein armes Mädchen. Das muss sich für dich alles sehr ungewohnt und – wie soll ich sagen – verrucht anhören. Aber ich finde es wichtig, dass du weißt, dass mein Mann und ich in einer offenen Beziehung leben. Ich erwarte nicht von dir, dass du das verstehst, aber du solltest dich, wenn du hier wohnen willst, damit abfinden, sonst gibt es unangenehme Überraschungen.“
„Offene Beziehung?“, stammelte Samira, die hoffte, sie falsch verstanden zu haben.
„Ja, genau. Wir sind verheiratet, haben aber schon vor Jahren bemerkt, dass wir glücklicher sind, wenn wir im Bett von Zeit zu Zeit etwas Abwechslung haben.“
Samira blickte betreten zu Boden. Sie hatte also richtig gehört. Wo war sie da nur hingeraten?
Samiras Wunde blutete so stark, dass Monika es nicht schaffte, sie vernünftig zu verbinden.
„Ich fürchte, das muss genäht werden. Wir müssen zum Arzt.“
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