Was zum Teufel hat sie vor?
Einen ganz eigenen Fluchtplan
Während Alex zur Untätigkeit verdammt war, merkte inzwischen auch Malia, das hier was nicht stimmte. "Syren, was machst du? Das hier ist doch nicht der Plan!"
"Lauf nicht heiß, sonst ist dein Preis ein blankes Stilett", sang Jessie ungerührt weiter, während sie mit einem entschuldigenden Blick in den Augen zu Malia sah. "Gehst du's dann erst langsam an, überlebst du's und du stirbst im Bett!"
"Fuck." Malia verdrehte die Augen. "Ich hoffe echt, du weißt, was du tust!"
Jessie fuhr mit ihrem Gesang fort, wiederholte die Zeilen von zuvor noch zweimal, und dann waren sie vorne am Tor des Geländes und damit an dem kleinen Wachgebäude angelangt. Von Steffen war nichts zu sehen, allerdings auch nicht von der Frau, die dort Wache gehalten hatte. Der Mann, der die ganze Zeit vor dem Auto hergelaufen war, blieb stehen und wandte sich zu ihnen um. Jessie sah ihn aus dem offenen Fenster heraus an, dann hörte sie mit den Worten "Bleib cool" auf zu singen.
Mit einem kurzen Aufkeuchen kam der Mann zu sich. "W-Was zum- Was habt ihr-"
"Ganz ruhig, bleib cool", sagte Jessie sanft zu ihm. "Wir gehen jetzt. Und du gehst am besten ganz schnell zurück auf deinen Posten. Oder möchtest du noch ein bisschen tanzen? Ich kenn auch andere Lieder."
"Ich-" Die Wache sah sie offenbar vollkommen entgeistert an, dann wandte sie sich um und rannte im Laufschritt zurück zur Klinik.
Auf dem Vordersitz wandte sich nun Alex nach hinten um. "Aber sonst geht's dir gut?" fuhr er Jessie an. "Wie kommst du darauf, mich zu kontrollieren? Oder überhaupt auf die Idee, den Plan zu verändern?"
Jessie zuckte mit den Schultern. "Ich hatte keine Lust, dass mir schon wieder die Kugeln um die Ohren fliegen", sagte sie, "und so haben wir bequem ein oder zwei Minuten Zeit, ehe der Alarm losgeht. Mir ist die Idee erst drinnen gekommen. Und ich konnte sie dir schlecht erklären, während ich singe, also hab ich halt erst mal nur gesungen. Hat doch alles geklappt."
"Hab ich da eben unseren Kontaktmann wegrennen sehen?" fragte plötzlich von draußen eine warme, helle Stimme, und als die anderen überrascht aus dem Auto sahen, stand da eine attraktive, schlanke Brünette, die eine Boxershorts und ein Herrenhemd trug.
"Ah, Eidolon - gut!" Alex entriegelte die Beifahrertür, dass er einsteigen konnte. "Syren erklärt dir gleich ihre grandiose Planänderung. Bei dir lief auch nicht alles ganz wie gedacht, vermute ich?"
Steffen seufzte. "Frag nicht. Offenbar steht die nette Dame vom Wachdienst selbst auf Frauen. Na ja." Er schloss die Tür, atmete tief durch, und sein Körper begann allmählich die weiblichen Formen zu verlieren, so dass seine normale Gestalt zurückkehrte. "Fahr los, das Tor geht bei Annäherung auf."
Alex trat aufs Gas, und während das Auto losfuhr, meldete sich vom Rücksitz Jessie zu Wort. "Gibt gar nicht viel zu erklären", sagte sie. "Ich hab uns ein paar Minuten Zeit verschafft, indem ich unseren Kontaktmann hier zum Tor mitgenommen hab. Dann kann er den Alarm erst mit Verzögerung auslösen, und wir sind schon halb auf dem Weg zum Fahrzeugwechsel, wenn die ganze Aktion auffliegt."
"Du hast ihn hierher mitgenommen", wiederholte Steffen leicht irritiert. "Ich hoffe mal, keine Kamera und kein Mikro hat euch dabei beobachtet, als du ihm die Planänderung erklärt hast?"
"Ich hab ihm die Planänderung nicht erklärt", grinste Jessie. "Ich hab ihn einfach nur hierher gesungen. Niemand wird ihm daraus einen Strick drehen können, dass er seinen Posten verlassen hat."
Steffen schwieg einen Moment. "Du hast ihn beeinflusst", sagte er dann scharf. "Du hast einen unserer Verbündeten unter deine Kräfte gezwungen."
Jessie hob eine Augenbraue. "War das jetzt ein Problem?"
"Wenn das keins war", meldete sich Alex zu Wort, "dann hab ich noch eins: Du hast auch mich unter deine Kräfte gezwungen."
"Du hast unseren Kontaktmann und Roadie beeinflusst?!" Steffen drehte sich fassungslos zu Jessie um. "Sag mal, hast du sie noch alle? Du kannst doch nicht einfach nach Gutdünken anfangen, deine eigenen Leute unter deine Kontrolle zu nehmen! Was glaubst du denn, wer du bist?!"
Jessie blies empört die Wangen auf. "Die Person mit dem besten Plan, uns alle sicher hier rauszubringen", ereiferte sie sich. "Wie viele Leute haben das letzte Mal auf uns geschossen, und wie viele heute? Hm? Mal daran gedacht?"
Steffen schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, was gerade in deinem Kopf vorgeht", sagte er, "aber ich weiß, dass es mir überhaupt nicht gefällt. In letzter Zeit kümmerst du dich einen Scheiß darum, ob es irgendwelche Konsequenzen hat, was du anstellst! Das ist wie in Berlin, als du-"
"Eidolon, hat das noch Zeit?" meldete sich Alex zu Wort. "Fahrzeugwechsel in zwanzig Sekunden. Scheiß Syren doch weiter zusammen, wenn wir heil zuhause sind, okay?!"
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