Ist er da nicht etwas sehr zurückhaltend?
Alex findet das zumindest
Darüber musste Alex einen Moment nachdenken. "Wenn ich's mir recht überlege, verstehe ich's nicht so ganz", sagte er schließlich. "Dass ihr niemanden umbringen wollt, klar. Dass ihr auch nicht wie unberechenbare Terroristen dastehen wollt, auch klar. Aber wir haben es hier mit Arschlöchern zu tun, die foltern, Menschenexperimente machen und im Zweifelsfall ihre eigenen Leute niederschießen, wenn sie im Weg stehen. Ich glaube, wir können uns ne ganze Menge leisten und sind dann noch nicht mal auf deren ihrem Niveau."
Tom musste lachen. "Wenn wir jemals so tief sinken sollten, würd ich mich auch in unserem See ersäufen. Aber wir müssen schon viel früher die Notbremse ziehen, finde ich. Ich denke zum Beispiel, Jessie geht oft zu weit mit dem, was sie ihrem "Publikum" zumutet. Wenn nicht mindestens fünf oder sechs Leute wegen ihr in psychiatrischer Behandlung sind, würde mich das wundern. Und auch Steffen geht mitunter sprichwörtlich über Leichen, um uns Informationen zu verschaffen. Wusstest du, dass er schon ne Ehe von einundzwanzig Jahren auf dem Gewissen hat? Wenn wir jemals jemanden in unseren Reihen haben, der potenziell noch mehr Schaden anrichten kann, müssen wir ihn echt an die Kandare nehmen!"
"Jessie macht einen guten Job" widersprach ihm Alex, "und von mir aus könnte sie gerne noch weiter gehen mit dem, was sie den Leuten zumutet. Und ich dachte eigentlich, du wärst da auch bei mir. Zumindest hast du sie verteidigt, als Steffen ihr wegen der Sache beim Ministerium den Kopf waschen wollte."
"Weil ich es nicht fair finde, wenn er sie für was anscheißt, das unsere Gegner getan haben." Toms Stimme blieb erstaunlich ruhig. "Steffen hat in der Sache recht: sie muss an mögliche Konsequenzen denken, ehe sie was macht, aber den toten Wachmann hat sie hier nicht zu verantworten. Vergiss nicht, sie hätte den Leuten ebenso gut einreden können, sich gegenseitig totzuschießen. Hat sie aber nicht gemacht. Genau die Art von Zurückhaltung brauchen wir. Oder denk an Diana; die könnte auch ihren Gegnern locker die Köpfe abreißen."
Alex kniff die Lippen zusammen. "Ehrlich", sagte er, "manchmal überlege ich mir schon, was ich den Arschlöchern gerne antun würde. Die hätten echt mehr als nur eine Abreibung verdient. Ich hätte gut Lust, denen mal ihre eigene Medizin zu schmecken zu geben. In der Lage dazu wären wir wohl jetzt schon."
Tom nickte. "Aber wir machen das nicht", sagte er. "Das ist der Unterschied zwischen denen und uns."
Als sie wieder daheim waren, gab es durchaus gemischte Reaktionen auf die Körperpanzerungen. Malia und Connor waren vom Design sehr angetan, Steffen und Jessie eher weniger, und auch Tom hatte sich ja bereits nicht wirklich begeistert von der Idee gezeigt. Dafür war der Rest der Anwesenden positiv gestimmt, als sich alle probehalber in die Rüstungen gezwängt hatten, und sogar Lorena war zufrieden: "Das nimmt dem ganzen tatsächlich den militärischen Aspekt. So können wir uns gut in der Öffentlichkeit sehen lassen."
"Ich komm mir vor wie beim Karneval", brummte Jessie etwas verstimmt, "aber okay, gehört halt zur Show dazu. Und wenn das Ding mir das Leben retten kann, werd ich mich bestimmt nicht beschweren. Auch wenn es an ein paar Stellen etwas... zwickt."
"Beschwer dich nicht", meinte Tom, "du musst dich in dem Teil wenigstens nicht viel bewegen. Der Rest von uns geht in direkten Feindkontakt. Immerhin liegt alles so gut an, dass man nicht besonders davon behindert wird. Wundert mich eigentlich, dass die nicht mehr Abnehmer haben."
Connor zuckte mit den Schultern. "Es gibt viele Wettbewerber auf dem Markt, und die Standardausrüstung ist auch nicht schlecht und wesentlich billiger. Und die meisten Armeen und Polizeitrupps sind staatsfinanziert, da geht's um öffentliche Ausschreibungen, in denen nicht unbedingt der Beste gewinnt. Qualitativ sind diese Panzerungen Goldstandard. Und ganz ehrlich, vielleicht sollte ich mal vorschlagen, die Designs hier auch standardmäßig anzubieten. Eröffnet vielleicht neue Märkte."
Tom schauderte. "Hoffentlich nicht, sonst kommen noch andere Leute auf so dumme Gedanken wie wir. Vergesst nicht: auch gerüstet ist es immer noch gefährlich, was wir hier vorhaben! Unsere Ausrüstung macht uns nicht unverwundbar. Ihr werdet auf jeden Fall blaue Flecken abkriegen, wenn ihr getroffen werdet, und wenn ihr viel abkriegt, könnten die Panzerplatten splittern - dann ist die Schutzwirkung nochmal kleiner. Die Strategie muss sein, die Distanz zu unseren Gegner so schnell wie möglich zu überwinden und sie im Nahkampf zu überwältigen - zumindest alle die, die Jessie nicht unter Kontrolle kriegt."
"Ich übernehme die rein mechanisierten Bedrohungen", fügte Pandora hinzu. "Zumindest mal die erste Welle an ferngesteuerten Drohnen kann ich euch vom Hals halten, bis die merken, dass ihnen jemand in die Suppe spuckt. Wenn die autonome Systeme haben, wird's für mich knifflig, aber Alex weiß dann, dass er die priorisieren muss."
"Und das geht auch nur, wenn ich nicht währenddessen von zehn Leuten mit Sturmgewehren durchsiebt werde", merkte Alex an. "Eure Panzerungen in allen Ehren, aber ich bin immer noch die auffälligste Erscheinung von uns allen, und wenn Diana nicht mitkommt, geb ich wirklich die größte Zielscheibe ab. Gebt euch also Mühe, okay?"
Steffen klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. "Wir wissen deinen Einsatz echt zu schätzen, und natürlich hoffen wir auch ein bisschen auf den psychologischen Effekt durch deinen Auftritt. Jeder von denen, der bei deinem Anblick die Waffe fallenlässt und Fersengeld gibt, ist einer, den wir nicht bekämpfen müssen. Also sei schön furchteinflößend."
Alex sah zu ihm. "Und wie soll ich das machen, deiner Meinung nach? Mir auf die Brust trommeln und rumbrüllen wie King Kong?"
"Ich hätte da ne Idee", grinste Malia. "Ruf ihnen doch 'ich will euch ficken' zu!"
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