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Mich interessiert was in Elviras Kopf vorgeht

Chapter 2 by Meister U Meister U

Sabine lag auf ihrer Matratze, die Knie angezogen, den blauen Flanell-Schlafanzug fest um ihren Körper gezogen. Durch das geöffnete Fenster drang die Kühle der Julinacht herein, aber sie spürte nichts davon. Ihr Herz schlug zu laut, zu schnell.

"Naja, also ich geh hin", sagte Elvira. Sie saß auf ihrem Bett, das Handy in der Hand, und scrollte durch die Bilder, die sie vorhin gemacht hatte. Eigentlich interessierte sie der Kram da drauf nicht die Bohne. Sie wollte nur, dass die anderen sie reden hörten. Dass sie diese salbungsvolle, lässige Stimme aufsetzte, die immer funktionierte. "Wenn die Jungs das so wollen, dann ist das halt so. Ist doch klar, dass die was von uns wollen. 23 Mädchen, 7 Jungs. Die Chancen stehen gut, dass man auserwählt wird."

Auserwählt. Das Wort schmeckte auf ihrer Zunge wie Honig. Elvira hatte keine Ahnung, warum die anderen Mädchen immer so ein Drama daraus machten. Sabine da lag wie ein Häufchen Elend und starrte an die Decke, als würde sie gleich sterben. Dabei war die Sache doch so einfach: Da waren Jungs. Die wollten Sex. Sie wollte Sex. Punkt. Warum also nicht einfach hingehen und sich nehmen, was einem zusteht?

Ihr Blick wanderte durch den Raum. Jaqueline lag auf dem Bauch, das Gesicht im Kissen vergraben, und machte ein Gesicht, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen. Andrea stand am Fenster und spielte die Moralapostel. Elif kauerte sich zusammen wie ein kleines verängstigtes Häschen. Und Sabine... ach, Sabine. Die Arme wusste wahrscheinlich nicht mal, wie ein Penis richtig aussah.

"Du machst Witze, oder?" Jaquelines Stimme kam gedämpft aus dem Kissen. "Das ist doch nicht dein Ernst. Die wollen doch nur, dass wir uns blamieren. Das ist so ein typischer Jungs-Test. Wer kommt, ist eine Schlampe, wer nicht, eine Prüde. Da kann man nur verlieren."

Elvira verdrehte die Augen. Schlampe. Immer dieses Wort. Als ob es was Schlimmes wäre, seinen Körper zu mögen. Seine Lust zu mögen. Sie hatte schon so oft hinter vorgehaltener Hand flüstern hören: "Die Elvira, die macht's mit jedem." Und weißt du was? Sie machte es. Mit Tim, mit Lukas, mit dem alten Kevin aus der 11. Sogar einmal mit dem Referendar, aber das war ein anderes Kapitel. Jedes Mal, wenn einer dieser Idioten sie als Schlampe bezeichnete, wurde sie nur noch heißer. Na und?, dachte sie. Ihr seid nur neidisch, weil ich Spaß habe und ihr nicht.

Ihre Gedanken schweiften kurz zu Max. Max mit diesen schwarzen Augen, diesem Grinsen, bei dem einem die Knie weich wurden. Sie hatte ihn schon zweimal gehabt. Einmal in der Gartenlaube bei seiner Cousine, einmal im Kino, als alle anderen geguckt hatten. Er war gut. Richtig gut.

"Sabine?" Elifs Stimme war leise. "Was denkst du? Würdest du gehen?"

Elvira sah, wie Sabine sich aufsetzte. Die Arme zitterten. Ihre Füße berührten den kalten Linoleumboden, und sie machte ein Gesicht, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Oh Gott, Sabine, reiß dich zusammen, dachte Elvira. Es ist nur Sex. Nicht die Apokalypse.

"Ich weiß nicht", sagte Sabine, und ihre Stimme klang, als würde sie aus weiter Ferne kommen. "Ich meine... es ist doch total verrückt, oder? Wir sind 18. Wir sollten nicht..." Sie stockte.

Wir sollten was nicht?, dachte Elvira. Leben? Spaß haben? Pünktchen aufs i setzen?

Andrea lachte trocken. "Verrückt ist das richtige Wort. Die Jungs haben sich das ausgedacht, weil sie wissen, dass sie die Oberhand haben. 7 gegen 23. Und wir spielen alle mit, weil wir nicht diejenigen sein wollen, die feige sind. So funktioniert das doch immer."

Sie drehte sich auf die Seite und sah Sabine direkt an. "Aber mal ehrlich. Hast du schon mal einen Typen gesehen, der es wert wäre, sich für ihn zu blamieren? Ich nicht."

Elvira musste fast lachen. Was Andrea nicht verstand: Es ging um Lust. Um das Kribbeln, das einen packte, wenn ein Junge einen ansah und wusste, dass man gleich nackt vor ihm stehen würde. Um diesen Moment der totalen Macht. Ich bin die, die sie geil macht, dachte sie. Ich halte sie in der Hand. Nicht andersrum.

"Elvira hat recht", sagte Sabine plötzlich, und ihre Stimme hatte etwas, das fast nach Überzeugung klang. "Die Chancen stehen gut, dass man auserwählt wird. Und wenn nicht... dann kann man einfach wieder gehen, oder?"

Elvira grinste. Endlich. "Siehst du. Sabine hat's verstanden."

Hoffentlich bekommt sie nicht doch gleich kalte Füße, dachte Elvira. Wenn Sabine jetzt abspringt, dann könnte ich vielleicht Andrea überreden, aber die spielt lieber die Unberührbare. Dabei wäre sie wahrscheinlich die geilste von allen.

Jaqueline richtete sich auf, ihre Augen funkelten. "Ihr seid beide wahnsinnig. Das ist keine Lotterie, das ist eine Demütigung. Stell dir vor, du stehst da, nackt, und keiner will dich. Oder noch schlimmer: Einer will dich, aber nur, weil du gerade da stehst. Nicht, weil du du bist. Weil du ein Körper bist, der gerade verfügbar ist."

Und?, dachte Elvira. Was ist so schlimm daran, ein Körper zu sein? Ein Körper, der Lust hat, der will, der nimmt?

Sie dachte an letztes Wochenende. An den Typen aus der Disko, der sie in der Ecke gegen die Wand gedrückt hatte. Er hatte sie nicht gefragt, ob sie das wollte. Er hatte einfach gemacht. Und sie? Sie hatte es geliebt. Dieses animalische, unkontrollierte, halb wilde Gefühl. Später hatte er sie "Schlampe" genannt, und sie hatte gelacht und ihn gefragt, ob er noch mehr wolle. Er war rot geworden. Wie süß. Die Jungs nannten einen immer Schlampen, aber wenn es dann hart auf hart kam, waren sie die ersten, die winselten und bettelten.

"Ich habe Angst", sagte Elif leise. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Ich will nicht, dass die mich so sehen. Aber ich will auch nicht, dass sie denken, ich wäre feige. Meine Eltern würden sagen, ich soll stolz sein und nein sagen. Aber mein Stolz..." Sie atmete tief ein. "Mein Stolz sagt mir, ich soll hingehen und zeigen, dass ich keine Angst habe."

Elvira sah sie an. Elif war süß. So schüchtern, so unsicher. Dabei hatte sie einen geilen Körper, das wusste sie von den Umkleiden her. Wenn sie mal aus sich rauskäme, könnte sie es richtig bringen. Vielleicht sollte ich sie heute mitnehmen, dachte Elvira. Den Jungs zeigen, dass sie was verpassen. Dass sie sich nicht verstecken muss.

"Aber ist es Richtig", fragte Andrea jetzt, "wenn man sich unterwirft? Wenn man ihre Regeln akzeptiert? Ich nenne das nicht Stolz. Ich nenne das Angst, nicht dazuzugehören."

Sie stand auf und ging zum Fenster. Draußen war die Nacht voller Sterne, und im Tal sah man die Lichter des Dorfes. "Ich bleibe hier. Ich habe keinen Bock, mich zum Affen zu machen. Wenn die Jungs was von mir wollen, dann sollen sie zu mir kommen. So wie es sich gehört. Nicht so, als wären wir in irgendeinem billigen Porno."

Elvira unterdrückte ein Schnauben. Andrea, Andrea. Immer so moralisch. Aber wenn's wirklich hart auf hart kommt, dann stehst du doch da und fragst, warum dich keiner will. Das ist das Problem mit den Prüden. Sie sind neidisch, aber sie haben nicht den Mut, es zuzugeben.

Sie blickte zu Sabine. Die Arme saß da, mit diesem Blick, als würde sie gegen eine unsichtbare Wand kämpfen. Elvira kannte diesen Blick. Den hatte sie selbst manchmal, in den Nächten, wenn sie allein in ihrem Bett lag und sich fragte, ob sie vielleicht wirklich zu viel wollte. Zu viel von allem. Aber das war nur eine kleine, leise Stimme, die sie schnell wieder zum Schweigen brachte. Leben war doch da, um gelebt zu werden. Also lebte sie.

"Also", sagte Elvira und stand auf. Sie zog ihren Pullover über den Kopf. "Ich gehe. Wer mitkommt, kann mitkommen. Wer nicht, bleibt halt hier und spielt die Moralapostellin - oder wie auch immer das heißt."

Sie warf Sabine einen Blick zu. "Komm schon, Sabine. Du hast doch gesagt, du willst. Das ist unsere Chance. Wenn wir jetzt nicht hingehen, dann werden wir in zehn Jahren darüber reden, was wir verpasst haben."

Ihre Muschi kribbelte schon. Sie dachte an Hände, an Lippen, an das, was sie schon erlebt hatte. Sie wollte es wieder. Jetzt. Heute. Am liebsten mit ein paar Zuschauern. Es machte sie an, wenn andere zusahen. Wenn die Jungs sabberten und die Mädchen neidisch waren. Das war ihre Bühne.

"Aber was ist, wenn ich nicht gewählt werde?" Sabines Stimme war leise, zitternd.

Jaqueline rollte die Augen. "Genau darum geht's doch. Du stehst da, nackt, und dann gucken die Jungs dich an, und einer von ihnen sagt: 'Ich nehm die.' Und die anderen gucken zu. Und dann..." Sie machte eine Pause. "Dann bist du einfach die, die genommen wurde. Nicht die, die sich entschieden hat."

Sie sah Sabines zitternde Finger. Hörte ihr Flüstern: "Ich hab doch noch nie... mit einem Jungen."

Oh, du armes Ding, dachte Elvira. Daher weht also der Wind.

Elif setzte sich zu Sabine auf die Bettkante und legte eine Hand auf ihren Arm. "Das ist doch egal. Das macht es nicht besser oder schlechter. Die Frage ist doch: Willst du das wirklich? Oder willst du nur, dass einer dich will?"

Elvira lächelte. Das ist die gleiche Frage, dachte sie. Das eine ist das andere. Wenn einer dich will, dann willst du es auch. Punkt.

"Ich weiß nicht", sagte Sabine noch einmal. "Ich weiß nicht, was ich will. Ich will nicht feige sein, aber ich will auch nicht..."

Elvira wartete. Aber Sabine sprach nicht weiter.

Du willst nicht, dass sie dich für eine Schlampe halten, dachte Elvira. Dabei bist du es doch längst. In deinem Kopf. Du kannst es dir nur nicht eingestehen.

Draußen hörte man Musik. Bass, der durch die Wände drang. Die Party im Jungszimmer hatte wohl begonnen.

"Es ist so weit", sagte Elvira. "Ich geh jetzt. Wer mit will, kommt mit."

Sie öffnete die Tür und trat auf den Flur. Ihr Schatten fiel noch in den Raum, und sie fühlte die Blicke auf ihrem Rücken. Sie wusste, dass sie jetzt alle ansahen. Dass sie sich fragten, wie sie so cool sein konnte. Sie konnte es nicht erklären. Sie war einfach so. Immer gewesen. Mit 14 hatte sie ihren ersten Kuss gehabt, mit 15 ihren ersten Sex. Und seitdem hatte sie nicht aufgehört.

Manche Mädchen spielen Klavier, dachte sie. Manche malen. Ich ficke. Ist das so schlimm?

Sie drehte sich um. Sabine stand jetzt auf. Ihre Beine zitterten, aber sie stand. Der Flanell ihres Schlafanzugs sah aus, als würde er sie zerquetschen. Sie sah so verloren aus.

"Soll ich?", fragte Sabine, aber die Frage war nicht an die anderen gerichtet. Sie war an sich selbst gerichtet.

Elvira lächelte. "Entscheid dich. Jetzt."

Komm schon, dachte sie. Komm mit. Ich zeig dir, wie es geht. Ich zeig dir, dass es nichts zu fürchten gibt. Dass es das Beste ist, was du tun kannst.

Ihr Herz schlug schneller. Vor Vorfreude. Ja, dachte sie. Heute wird ein guter Tag.

Sie sah Sabine an, die immer noch zögerte. Aber wenn sie nicht kommt, ist es auch okay. Dann bin ich eben allein die Königin.

Der Bass dröhnte durch den Flur. Elvira lächelte, drehte sich um und ging den Gang entlang. Hinter ihr hörte sie leise Schritte auf dem Linoleum.

Na also, dachte Elvira. Es geht doch.

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