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Chapter 3

Wie sieht Sina aus?

Kindlich und naiv

Sina hatte spät in das Internat gewechselt, nachdem sie in der vorherigen Schule zweimal sitzen geblieben war. Im Unterricht war sie erwartungsgemäß Spitze in Deutsch und in Fremdsprachen und heimste in diesen Fächern mühelos Einsen ein. Schwerer tat sie sich mit den Naturwissenschaften, sofern sie nicht auf angelesenes Wissen zurückgreifen konnte, sondern sich etwas in einem Experiment selbst erarbeiten oder praktisch anwenden sollte. Und wiederholte Fünfen in Mathe hatten ihr im übertragenen Sinn das Genick gebrochen.

Aufgrund der Ehrenrunden war Sina mit Anfang zwanzig vermutlich eine der ältesten Schülerinnen am Internat. Dafür wirkte sie äußerlich deutlich jünger als ihre Klassenkameradinnen. Das lag vor allem daran, dass sie relativ klein war, gerade mal gute ein-Meter-fünfzig. Auch ihr rundliches Gesicht mit den großen Augen und ihre sehr schlanke Gestalt trugen wesentlich dazu bei. Beim Wäschekaufen hatte sie oft das Problem, passende BHs zu finden, die straff geschneiderte A-Cups hatten und nicht zu groß waren. So hatte sie sich angewöhnt, meistens ganz auf einen Büstenhalter zu verzichten. Nicht dass dies jemandem aufgefallen wäre.

Ungewollt verstärkte sie das Kleine-Mädchen-Image noch dadurch, dass sie ihre halblangen, blonden Haare oft mit weichen Haargummis zu zwei seitlichen Zöpfchen band. Auch kleidungsmäßig staffierte sie sich nicht wie ihre Mitschülerinnen mit allerhand provokantem Fummel aus. Wenn sie keine Schuluniform tragen musste, bevorzugte sie Jeans und Pulli.

Einen intellektuellen Touch gab ihr die Brille mit den runden Gläsern und dem dünnen Drahtgestell, die sie häufig mit einer unbewussten Geste auf ihrer Stupsnase zurechtrückte. So auch jetzt, als sie zusah, wie ihre Zimmergenossinen hintereinander durch die Tür verschwanden und diese hinter sich zuzogen. Puh, endlich Ruhe.

Sie drehte sich auf den Bauch und strampelte die Decke weg. Sie trug nur einen kurzen Pyjama. Das Oberteil wäre als ein lockeres T-Shirt mit aufgedruckten Teddybären durchgegangen, wenn auch ein ziemlich ausgewaschenes. Das einfarbige rosa Höschen glich vom Schnitt her einer Boxershorts, allerdings mit Schlitzen auf den Seiten bis zur halben Höhe, damit es beim Schlafen nicht einengte.

Trotz der dünnen Kleidung wurde ihr nicht kalt, denn das Zimmer war überheizt. Aber sie wollte das Fenster nicht aufmachen, weil draußen vor dem Gebäude lauter Trubel herrschte. Sie hoffte, dass es irgendwann ruhiger würde.

Bleibt es ruhig?

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