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Exkurs: Tahiti

Chapter 11 by Reyhani Reyhani

Die Evaporisten fanden den frei schwitzenden Menschen im Naturzustand nicht allein in Rousseaus Schriften.

Es gab ihn wirklich. Er lebte in Tahiti, im real existierenden Paradies auf der anderen Seite der Welt.

Um 1770 machten sich gleich zwei Expeditionen aus Europa auf, um die letzten weißen Flecken der Weltmeere zu erkunden, unbekannte Pflanzen und Tiere zu sammeln und neues Land in europäischen Besitz zu nehmen. Zuerst erreichte ein französisches Schiff unter dem Kommando von Louis Antoine de Bougainville Tahiti; Kapitän James Cook aus England langte dort etwa ein Jahr später auf der ersten seiner drei Südseereisen an.

Das aufgeklärte Publikum war begeistert. Diese Reisen wurden als der Höhepunkt europäischen Entdecker- und Forschergeistes gefeiert. Die Monarchen der Supermächte Frankreich und Großbritannien freuten sich über die in ihrem Namen in Besitz genommenen Inseln. Die unterstrichen den weltbeherrschenden Anspruch ihrer Macht. Bestimmt hatten auch die Eingeborenen eine Meinung, aber die interessierte niemanden.

Nur die Evaporisten sahen klarer. Die aufmerksame Lektüre der unzähligen Sensationsberichte, die bald nach den Entdeckungsreisen publiziert wurden, führte ihnen eines vor Augen: Die sogenannten Wilden der Südsee waren der Zivilisation Europas haushoch überlegen. Keine noch so ausgeklügelte europäische Wissenschaft, keine noch so feste religiöse Gewissheit vermochte die Insulaner in ihrem Umgang mit der Hitze der Tropen zu übertreffen.

Das betraf zuerst die Art der Erfrischungen.

Georg Forster, ein Teilnehmer an Cooks zweiter Expeditionsreise, die 1773 nach Tahiti kam, schreibt darüber:

Die Hitze war heute eben ſo groß als geſtern. Das Thermometer ſtand auf 90 im Schatten, wenn der Himmel mit Wolken bedeckt war; und um Mittag ward es wieder windſtill. Ob wir gleich bey dieſer Hitze heftig ſchwitzten, ſo war ſie uns uͤbrigens doch gar nicht ſo empfindlich und zur Laſt, als man wohl denken moͤchte. Wir befanden uns im Gegentheil ungleich friſcher und muntrer, als es, vornemlich der geſtrigen abmattenden Arbeit nach, zu vermuthen war. Dieſen Vortheil hatten wir aber ohne Zweifel blos der Nachbarſchaft des Landes zu verdanken; die Brodfrucht und die Yams, welche man uns von dorther zubrachte, ſchmeckten und bekamen uns beſſer als unſer wurmſtichigter Zwieback; und die Piſangs, nebſt einer Apfel-Frucht, die von den Einwohnern E-vie genannt wird, gaben einen herrlichen Nachtiſch ab.

Eine andere Strategie der Insulaner, mit der Hitze umzugehen, war die leichte Bekleidung. Das war unmittelbar einsichtig, hatte aber Konsequenzen, denn es galt vernünftigerweise auch für die einheimischen Frauen. Wieder ist Forster unser scharf beobachtender Gewährsmann:

Die ungekuͤnſtelte Einfalt der Landes-Tracht, die einen wohlgebildeten Buſen nebſt ſchoͤnen Armen und Haͤnden unbedeckt ließ, mogte freylich das ihrige beytragen, unſre Leute in Flammen zu ſetzen; und der Anblick verſchiedner ſolcher Nymphen, welche bald in dieſer, bald in jener verfuͤhreriſchen Poſitur behend um das Schiff her ſchwammen, ſo nackt als die Natur ſie gebildet hatte, war allerdings mehr denn hinreichend, das bischen Vernunft ganz zu blenden, das ein Matroſe zu Beherrſchung der Leidenſchaften etwa noch uͤbrig haben mag.

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Im Gegensatz zu Forster stand für die Evaporisten fest: Eine Vernunft, die vom Ablegen von Kleidung geblendet wurde, war keine. Sie musste selbst als eine unvernünftige abgelegt werden.

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