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Exkurs: Der Eis-Salon als Wiege des aufgeklärten Evaporismus
Die Salons von Paris waren die Herzkammer der französischen Kultur. Hier wurde getratscht, Kochrezepte ausgetauscht und Romanmanuskripte diskutiert, Intrigen geschmiedet und Liebesaffären angebahnt. Adelige Gönnerinnen fanden hier ihre verarmten philosophischen Hätschelkinder wie beispielsweise Rousseau.
Natürlich wurde hier auch der Evaporismus, seine Vor- und Nachteile für die Gesellschaft, sein Verhältnis zu Religion und Vernunft, seine Stellung im System der Wissenschaften &c. &c. &c. kontrovers diskutiert. Jedenfalls hinter vorgehaltener Hand – die Spione der Monarchie waren überall.
Im Salon von Baron d’Holbach war man unter sich. Hier verkehrten alle philosophischen Köpfe der Hauptstadt, denen kein Thema zu heiß und keine Theorie zu abgehoben war. Hier konnte der Evaporismus nicht nur diskutiert sondern gelebt werden. Wenn andere Salons für den Sommer schlossen, weil ihre hochadeligen Gastgeberinnen sich auf ihre Landgüter verzogen, begann man bei d’Holbach zu experimentieren.

An einem besonders heißen Nachmittag im August 1761 wurde in diesem Salon die Coupe DD, ein Eisbecher mit Erdbeeren und Sahne, erfunden. Bis heute streiten sich die Experten, ob er zu Ehren von Madame d’Holbach oder von Denis Diderot, eines engen Freundes des Gastgebers, benannt wurde.
Im Holbachschen Salon wurden regelmäßig die Redaktionssitzungen der Encyclopédie, des Vorzeigeprojekts der Aufklärung, abgehalten. Eine aufmerksame Lektüre des zwischen 1751 und 1772 in 17 Text- und 11 Abbildungsbänden erschienenen Universallexikons zeigt, wie vorsichtig die Philosophen der vorrevolutionären Zeit noch mit dem Evaporismus sein mussten. Doch wer zwischen den Zeilen zu lesen weiß, der erkennt unzweifelhaft seine zentrale Stellung im aufgeklärten Wissenschaftsdiskurs.
Um dem Zensor ein Schnippchen zu schlagen wurden grundsätzliche Begriffe wie EVAPORATION oder CHALEUR nur unter rein naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten diskutiert. Auch wer unter provokanten Stichworten wie NUDITÉ suchte, wurde mit einer Diskussion über die Nacktheit antiker Statuen abgespeist.
Der findige Leser stößt an unerwarteter Stelle auf eine Diskussion des Zusammenhangs zwischen Hitze und der condition humaine die schlechthin nur als evaporistisch zu deuten ist. Der Eintrag zu TEMPÉRATURE verweist ohne weitere Erläuterungen direkt auf TEMPÉRAMENT, d.h. der Charakterdisposition als Reaktion auf die Mischung der vier Säfte, die in Zusammenhang mit den vier elementaren Qualitäten heiß, kalt, trocken und feucht stehen.
Am deutlichsten aber findet die unter den Enzyklopädisten gelebte Praxis des Evaporismus im Artikel GLACE Eingang. Zusätzlich zu den zu erwartenden naturwissenschaftlichen Ausführungen wird dem Leser eine ausführliche Abhandlung über die Methoden der Speiseeisbereitung und ihres dietarischen Nutzens präsentiert. Der Autor schließt seine Ausführungen auf diese begeisterte aber in Sinne der Aufklärung durchaus auch skeptische Note:
Eiscreme ist in südlichen Ländern eine Delikatesse; und ich weiß sehr wohl, dass in Italien, jenem wunderschönen Land, wo sie mit höchster Kunstfertigkeit zubereitet wird, die meisten Ärzte sie keineswegs verteufeln, sondern ihr im Gegenteil gesundheitsfördernde Eigenschaften zuschreiben. Auch in unserem gemäßigten Klima kann sie für viele Menschen, deren Magen und Nervensystem durch kalte Speisen und Getränke gestärkt werden müssen, wohltuend sein. Doch in jedem Land gilt: Wer Eiscreme ohne entsprechende Vorsichtsmaßnahmen oder unbedacht, beispielsweise gerade dann, wenn er stark überhitzt ist, konsumiert, riskiert sein Leben und wird es bitter bereuen.
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