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Chapter 16

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Ein unerwarteter Besuch

Florian von Stein würdigte mich keines Blickes, während er tonlos erklärte: "Du bist nicht hier, um dich auszuruhen. Die Bücher müssen abgestaubt werden."

Ich stemmte mich aus dem Stuhl hoch. Eigentlich musste ich Anna dankbar sein, dass sie das Foto gepostet hatte, dachte ich bei mir. Der damit verbundene Ärger hatte meine vorherige Erregung wie weggeblasen. Allerdings war auch der Ärger schon wieder verraucht, so dass ich gegen Florians herablassende Art nicht aufbegehrte. Stattdessen trottete ich zurück in das kleine Zimmer, in dem ich geduscht und mich umgezogen hatte. Dort hatte ich einen Staubwedel aus Federn gesehen, den ich holte. So ausgestattet kehrte ich zurück ins Arbeitszimmer. Ich sah ziemlich entmutigt die langen Reihen an dicken Wälzern an, die weit über meine Körpergröße aufragten. Sie nahmen die ganze Breite der Wand bis hinauf zur Zimmerdecke in Anspruch. Das würde länger dauern, bis ich fertig war. Zumindest entdeckte ich eine Rollleiter, die man auf Schienen vor dem Bücherschrank hin und her schieben konnte, um an die oberen Bretter zu kommen. Allerdings würde ich mich auch da zusätzlich noch strecken müssen, um sie zu erreichen. Mir war nur allzu bewusst, welche Einblicke ich in meinem knappen Outfit dadurch einem Beobachter, der hinter beziehungsweise unter mir stand, gewähren würde. Daher begann ich erstmal auf meiner Augenhöhe zu arbeiten und wedelte lustlos über die Buchrücken, an die ich leichter herankam.

Die Stimme des Hausherrn schreckte mich aus meiner Geistesabwesenheit auf. "Das musst du deutlich gründlicher machen. Nimm die Bücher aus dem Regal, bringe sie hinaus auf die Terrasse und entstaube sie dort. Sonst fliegt der ganze Dreck ja nur hier im Zimmer in der Luft herum."

Gehorsam wollte ich die Folianten, die direkt vor meiner Nase standen, an mich nehmen, als ich schon wieder gestoppt wurde. "Halt, so nicht. Eines nach dem anderen. Diese Werke sind wertvoll und empfindlich. Ich möchte nicht, dass du eines fallen lässt und es beschädigst."

"Ja, Herr von Stein."

Wie angewiesen zog ich das erste dicke Buch vorsichtig von seinem Platz, trug es sorgfältig zur Terrassentür, trat hinaus und pustete behutsam darüber, um den feinen Staub über das Geländer wehen zu lassen. So behandelte ich Exemplar um Exemplar, bis die unteren Reihen versorgt waren und ich für die weiteren die Leiter benutzen musste. Wenig später klingelte es an der Haustür.

"Ah, mein Besuch. Bitte hole ihn ab und führe ihn hierher zu mir."

Ich konnte mich gerade noch ****, einen Knicks zu machen. Während ich aus dem Arbeitszimmer, die Treppe hinunter und den Flur entlang eilte, schalt ich mich eine dumme Kuh. Ich musste wohl einsehen, dass ich Florian gehorchen musste, solange der Vertrag galt. Aber ich musste mich ja nicht noch zusätzlich freiwillig erniedrigen.

An der Tür angekommen, hielt ich kurz inne und versuchte, meine offenherzige Kleidung einigermaßen zu ordnen. Wenigstens war der Eingang ebenerdig, so dass wer immer vor dem Haus wartete, mir nicht unter den Rock schauen konnte, ohne dafür in die Knie zu gehen. Nur auf dem Weg zurück sollte ich tunlichst vermeiden, vor dem Besucher die Stufen hinauf zu steigen. Dann wäre alles gut. Ich holte tief Luft, um mich zu sammeln und drückte die Klinke.

Ich erstarrte.

Vor mir stand Herr Schmitt, mein Filialleiter in seiner ganzen untersetzten Größe und ausufernden Körperfülle. Über sein Hemd, das um seinen hervorstehenden Bauch spannte, hatte er ein zerknittertes Sakko gezogen. Vor Schreck vergaß ich zu atmen. In dem ungewohnten Aufzug erkannte er mich nicht sofort, wodurch ich Gelegenheit bekam, mich ein wenig zu beruhigen. Dann dämmerte Erkenntnis in seinen Schweinsäuglein.

"Marion?" Sein Gesichtsausdruck wechselte von Erstaunen, über Verwirrung, zu heller Freude. "Ich dachte, du bist krank? Was machst du hier? Noch dazu in diesem - äh - Kleid?"

Mein Mund schnappte mehrmals auf und zu, wie bei einem Fisch auf dem Trockenen. Aber es kam kein Ton heraus. Herr Schmitt sah mich interessiert und zunehmend amüsiert an. Schließlich wurde es ihm zu dumm. "Herr von Stein erwartet mich", beschied er mich, richtete sich so hoch auf, wie es ihm möglich war, als mache ihn diese Erwartung zu etwas besonderem. Dann drängte er sich an mir vorbei, so nah, dass sein schlabbriges Jacket an meinem Arm entlang streifte und sein verschwitzter Geruch in meine Nase stieg. Nach ein paar Schritten ins Haus bleib er stehen, wandte sich um und fragte: "Wohin soll ich gehen?"

Ich wies mechanisch in Richtung der Treppe nach oben und kiekste: "Dort entlang."

Er marschierte los und ich musste mich ranhalten, ihm in meinen ungewohnt hohen Schuhen zu folgen. Immerhin entging ich so der Gefahr, im Treppenhaus vorausgehen zu müssen. Am Ziel angekommen klopfte ich, öffnete nach der Aufforderung die Tür und ließ meinen Chef eintreten. Obwohl: war Herr Schmitt in diesem Moment noch mein Chef? Oder Florian von Stein? Oder beide?

Ich wollte mich zurückzuziehen, doch der Hausherr hielt mich mit einem strengen Blick fest. "Du hast hier noch eine Aufgabe, die nicht erledigt ist."

Derweil trat Herr Schmitt an den Schreibtisch heran und bedankte sich überschwänglich für die Einladung. Er musste sich weit nach vorne beugen, um Florian die Hand zu schütteln, weil der sich nicht die Mühe machte, sich zu erheben oder ihm entgegen zu kommen. "Nehmen Sie doch Platz", meinte er kurzangebunden und geschäftsmäßig. Der Besucher besah misstrauisch den großen, dunklen Fleck, den ich auf der Sitzfläche hinterlassen hatte, dann wählte er den anderen Stuhl.

Ich versuchte, mich so klein und unscheinbar wie möglich zu machen, schloss die Tür des Arbeitszimmers leise und stellte mich in eine Ecke, in der Hoffnung, dass die beiden während ihres Gesprächs nicht auf mich achten würden. Doch Herr von Stein hatte mich nicht vergessen. Eine knappe Geste von ihm schickte mich wieder an die Arbeit und die steile Leiter hinauf. Ich holte mir das nächste Buch und trug es hinaus, um den Staub zu entfernen. Ich hörte leise das Leder des Stuhl knarzen. Ohne hinzusehen war mir klar, dass Herr Schmitt sich umgedreht hatte, um mir ungeniert unter den Rock zu starren.

"Ich kontaktierte Sie im Namen meiner Mandantin Marion Huber. Sie benötigt dringend vier Wochen Urlaub ab sofort." Ich war mir nicht bewusst gewesen, dass Florian sich als mein Anwalt ausgeben konnte. Vermutlich war dies eine Klausel in dem Vertrag, den ich unterschrieben hatte, ohne ihn wirklich zu verstehen.

"Aber das geht nicht so einfach. Wir sind unterbesetzt und ich kann nicht so kurzfristig auf sie verzichten."

"Das sollte kein Problem sein. Ich habe bereits einen Ersatz für Frau Huber, der an ihrer Stelle einspringen kann." Florian hielt sein Mobiltelefon hoch und zeigte ein neues Foto von Mia, das Anna in den Chat gepostet hatte. "Ihre Tochter Emilia. Wäre das akzeptabel?"

Herr Schmitt grinste anzüglich.

Mir lief es eiskalt über den Rücken.

*

Soweit die Kapitel, zu denen mich Malis Geschichte angeregt hat. Vielen Dank an ihn für die tolle Zusammenarbeit.
Sofern ihr seinen Haupt-Handlungsstrang noch nicht gelesen habt, kann ich ihn nur empfehlen.

Prinz Heinrich

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